Eine natürliche Baumhöhle, bewohnt von einem wild lebenden Honigbienenvolk.Foto: Andi Roost

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Zurück in den Wald: auf der Spur der wild lebenden Honigbiene

Die Westliche Honigbiene gehört zu den wenigen Tierarten, die sowohl Nutztier als auch Wildtier sind. Während ihre Bedeutung für Bestäubung und Honigproduktion breit anerkannt ist, führt sie als Wildtier in der öffentlichen Wahrnehmung ein Schattendasein.

Raphaèle Piaget* | Die Westliche Honigbiene (Apis mellifera) ist bereits seit Jahrmillionen eine Bewohnerin des Waldes und damit Teil des Ökosystems. In der Schweiz gilt die wild lebende Honigbiene heutzutage als verschwunden. Allerdings ist ihre tatsächliche Präsenz in hiesigen Wäldern bislang wissenschaftlich noch nie umfassend untersucht worden. Entsprechend existieren keine offiziellen Schutzmassnahmen. Der Verein FreeTheBees will dies ändern, denn er ist davon überzeugt: Die Honigbiene gehört als Wildtier zurück in den Wald.

Lebensraum für die Honigbienen im Wald

Intakte Wälder zeichnen sich durch eine Vielzahl sogenannter Mikrohabitate aus, spezialisierte Lebensräume wie Rindentaschen, Totholz oder Spechthöhlen. Sie entstehen meist an alten Bäumen und bieten zahlreichen Arten einen wichtigen Lebensraum. Baumhöhlen nehmen dabei eine besondere Rolle ein, über Jahrzehnte hinweg durchlaufen sie eine ökologische Sukzession, in deren Verlauf sie verschiedenen spezialisierten Arten, darunter auch der Honigbiene, ein passendes Habitat bieten.

Welche ökologische Rolle die Westliche Honigbiene dabei einnimmt, ist kaum geklärt, beispielsweise ihre Bedeutung als Nahrungsquelle für andere Tiere, sei es durch einzelne Bienen oder ganze Völker, deren Masse bis zu vier Kilo auf die Waage bringen kann, oder durch ihre Honig- und Pollenvorräte. Auch ihr potenzieller Einfluss auf die Bestäubung von Waldpflanzen oder ihre Interaktionen mit Ameisen sind weitgehend unerforscht. Bereits der deutsche Zoologe Karl Gösswald (1907–1996), der jahrzehntelang zu Waldameisen geforscht hat, wies auf deren Beziehung zur Honigbiene hin.

Hier setzt FreeTheBees an: Mit gezielten Massnahmen will der Verein Baumhöhlen fördern und damit den Lebensraum der Honigbiene und vieler weiterer Arten erhalten. In der Forstwirtschaft wurden über Jahrzehnte hinweg gezielt Bäume entnommen, die nicht dem Idealbild gerader, hochgewachsener Stämme entsprachen. Deshalb fehlen heute solche Bäume mit Mikrohabitaten im Wald. Obwohl ihr ökologischer Wert anerkannt ist, steht die Holzproduktion weiterhin im Vordergrund.

Mit dem Projekt «Baumhöhlen, Biodiversität für den Wald» will FreeTheBees Abhilfe schaffen. So wurden seit 2021 über 155 künstliche Höhlen geschaffen. Sie orientieren sich in Bauweise und Struktur an natürlichen Vorbildern und werden in lebenden Bäumen angelegt oder als eigenständige Konstruktionen an ihnen angebracht. Die Höhlen stehen Arten wie Vögeln, Insekten und auch Honigbienen offen, die Nutzung erfolgt spontan und auf natürliche Weise.

Alle Höhlenstandorte werden kartiert, regelmässig kontrolliert und dokumentiert. 54 wurden bereits von wild lebenden Honigbienenvölkern bezogen. Das Ziel ist, so eine langfristige Infrastruktur zu schaffen, die nicht nur die Biodiversität fördert, sondern auch die wissenschaftliche Forschung unterstützt.

Forschung für ein vergessenes Wildtier

2021 startete FreeTheBees auch das Projekt «Swiss BeeMapping», um Kernfragen zur Population wild lebender Honigbienen in der Schweiz zu erforschen: Wie viele Völker existieren? Wie lange überleben sie in der freien Natur?

In Zusammenarbeit mit knapp 150 Freiwilligen werden Völker dokumentiert, die ohne menschliche Eingriffe in natürlichen oder künstlichen Hohlräumen, wie zum Beispiel in den von FreeTheBees geschaffenen Baumhöhlen, nisten. Bisher wurden über 370 solcher Völker gemeldet, vorwiegend im Raum nördlich der Alpen. Die Methodik orientiert sich an wissenschaftlichen Standards und baut auf Erfahrungen vergleichbarer Studien auf.

Für 2025 ist die erste umfassende Auswertung der viereinhalbjährigen Erhebung geplant. Ziel ist, zu prüfen, ob sich selbst erhaltende Populationen in der Schweiz erhalten haben. Gleichzeitig läuft seit Kurzem eine begleitende Studie, die die Parasitenbelastung in wild lebenden und beimkerten Völkern vergleicht. Diese Untersuchung soll helfen, die Ursachen für die hohe Wintersterblichkeit zu verstehen.

Erste Auswertungen zeigen: Die Mehrheit der Völker überlebt den Winter nicht. Die genauen Faktoren dafür sind noch nicht abschliessend geklärt. Die Rolle der Varroa­milbe wird zwar häufig betont, doch auch andere Einflüsse wie Nahrungsverfügbarkeit und Habitatqualität dürften eine Rolle spielen. Es gibt jedoch auch einige wenige Völker, die einen Winter, vereinzelt sogar mehrere Jahre überdauert haben. Diese Beobachtungen lassen hoffen.

Resultate unter anderen aus Wales (GBR) zeigen, dass wild lebende Honigbienenvölker unter geeigneten Bedingungen überlebensfähig sind und sich auch an die Varroamilbe anpassen konnten. Ob dies auch in der Schweiz gelingt, wird die Zukunft zeigen. Swiss BeeMapping schafft die notwendige Datengrundlage, als Basis für fundierte Diskussionen und die Entwicklung gezielter Schutzmassnahmen.

Auf die Vielfalt kommt es an

Vielfältige, strukturreiche Wälder sind widerstandsfähiger gegenüber Störungen wie Trockenheit oder Sturm, eine Eigenschaft, die auch der Wirtschaftlichkeit zugutekommt. Ähnliches gilt für die Imkerei: Sie würde von einer robusten, an die Umwelt angepassten, wild lebenden Honigbienenpopulation profitieren.

Noch ist es möglich, die Honigbiene als Wildtier zu erhalten, vorausgesetzt, sie darf sich wieder natürlich und ohne Eingriffe vermehren. Nachdem sie über Jahrhunderte als Honigproduzentin betrachtet worden ist, ist es an der Zeit, ihre Rolle als Wildtier in heimischen Wäldern anzuerkennen. Waldbesitzende und Forstangehörige können den Wald aktiv gestalten, etwa durch das Belassen alter Bäume, das Fördern artenreicher Lichtungen oder durch die Beteiligung am Baumhöhlenprojekt.

Jede und jeder kann mitmachen

Interessierte Menschen ausserhalb des Forsts können sich auch als Beobachterin oder Beobachter im Swiss BeeMapping oder im Baumhöhlenprojekt engagieren. Im Rahmen einer aktuellen Aktion ruft Free­TheBees zur Suche nach natürlichen, mit Honigbienen besiedelten Baumhöhlen im Wald auf. Unter allen Meldungen werden bis Ende September 2025 monatlich Gutscheine im Wert von 100 Franken verlost.

 

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