Eine Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Naturschützern und Forstbetrieben kann finanziell interessant sein.Bild: Sarah Sidler

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Lebensräume für Tiere zu fördern, kann Geld in die Kasse bringen

Mit den richtigen Partnern können Forstbetriebe und Waldbesitzende bedrohten Säugetieren, Amphibien und Vögeln das Überleben erleichtern und damit Geld verdienen. Sei es durch eine spezielle Waldpflege, die Pflanzung von Sträuchern oder die Schaffung von Altholzinseln.

Sarah Sidler | Ein auf eine Strasse gestürzter Ast einer Eiche am Rand des Bärletwaldes bei Brügg (BE) war 2020 der Start einer Erfolgsgeschichte. Aus Sicherheitsgründen beschloss der Waldbesitzer, der Berner Staatsforstbetrieb, dass 60 Eichen des alten Bestandes im stark begangenen Wald gefällt werden müssen. Dagegen gab es Widerstand im Gemeinderat und bei der Bevölkerung, ein lokaler Forstingenieur zeigte Lösungsvorschläge auf, Naturschützer und die Schweizerische Vogelwarte Sempach kamen ins Spiel. Sie alle wollten den ältesten Eichenwald Berns und damit einen wertvollen Lebensraum für bedrohte Arten retten. Mit Erfolg: Anstatt die bis zu 250 Jahre alten Bäume zu fällen, wurden sie durch Mittel der Gemeinde Brügg und des Projekts «Aufschwung für die Vogelwelt» der Vogelwarte während der vergangenen Jahre überwacht sowie gepflegt. Durch eine gezielte Baumpflege bleiben die alten Eichen mit Kronentotholz, abgestorbenen Ästen und Baummikrohabitaten erhalten. Altholzinseln wurden geschaffen und der Waldrand aufgewertet. «Der Eichenwald bietet wertvollsten Lebensraum für sehr seltene und hochspezialisierte Arten, darunter viele national prioritäre Arten», sagt Michael Lanz von der Vogelwarte. Fünf Spechtarten, seltene Käfer wie der Hornissenbock, zehn Fledermausarten sowie acht Flechten, welche auf der Roten Liste stehen, kommen unter anderem darin vor.

Der Erhalt dieses Juwels war nur möglich, weil der Berner Staatsforstbetrieb seine 1,8 ha des 10 ha grossen Bärletwaldes ausnahmsweise an die Gemeinde Brügg verkauft hat. «Der Verkauf kam nur zustande, weil uns das Sicherheitsrisiko zu hoch war. Wir können die Werkhaftung nicht tragen, haben jedoch den ökologischen Wert des Waldstücks erkannt», erläutert Moreno Müller, Revierförster vom Staatsforstbetrieb Bern. Der Bärletwald ist Teil des Längholzes, das inmitten eines Siedlungsgebiets mit rund 80 000 Einwohnenden liegt. «Er ist einer der meistbegangenen Wälder im Kanton Bern», sagt Dario Wegmüller, Förster Forstrevier Unteres Seeland. Das Spannungsfeld zwischen Freizeit- und Holznutzung, Sicherheit und Förderung der Biodiversität ist also hoch.

Um das Sicherheitsrisiko möglichst gering zu halten, engagierten die Verantwortlichen der Gemeinde Brügg Urs Mühlethaler. Der Forstingenieur kontrolliert den Bärletwald seit 2021 regelmässig nach dem von ihm angepassten Visual Tree Risk Assessment (VTA) und erstellt Gutachten. Der ehemalige BFH-Dozent für Waldökologie und Gesellschaftsfragen kontrolliert rund 60 Bäume zweimal jährlich anhand einer Checkliste. Meist ältere Eichen, welche entlang von Strassen und häufig begangenen Wegen wachsen. «Dabei begutachte ich jeden Baum rund vier Minuten und wäge den ökologischen Nutzen und das Gefahrenpotenzial ab», sagt er. Während Urs Mühlethaler Anfang August sein Augenmerk jeweils hauptsächlich auf die Vitalität und die Sommerdürre legt, sind im Winter Fäule­stellen besser sichtbar.

Mitte Dezember des vergangenen Jahres kamen die Projektpartner zu einer Begehung zusammen, um anstehende Sicherheits- und Baumpflegemassnahmen an den Eichen am Waldrand zu diskutieren. Auch Vera Grubenmann von der Firma Forst­arbeiten Hofstetter war dabei. Sie führt mit ihrem Team diesen Winter die Baumpflege aus. Während der nächsten 25 Jahre stehen für den Erhalt der alten Eichen, Waldrandaufwertungen und weitere Biodiversitätsfördermassnahmen im Längholz von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach jährlich 20 000 Franken zur Verfügung.

Bevölkerung informieren und miteinbeziehen

Um die Bevölkerung regelmässig über die Arbeiten im Bärletwald zu informieren und sie dafür zu sensibilisieren, wird einmal jährlich der Bärletwaldtag durchgeführt. Exkursionen und Arbeitseinsätze sind Teil davon. «Es ist wichtig, dass die Bevölkerung weiss, wieso etwa Feuerstellen zugunsten von Totholzinseln aufgehoben werden und weshalb wir Käfermeiler zur Förderung von Hirschkäfern schaffen», sagt Mirjam Richter vom Staatsforstbetrieb Bern. Zudem wird auf Antrag des Regierungsrates ein Besucherlenkungskonzept erarbeitet, in das die Meinung der Bevölkerung miteinfliessen wird. 

Hecken pflanzen, auch für kleine Säugetiere

Auch bei der Landschaftsaufwertung für kleine Säugetiere wird neben Forstfachpersonen die Bevölkerung miteinbezogen; etwa, um Sträucher zu pflanzen. Denn natürliche Wälder mit verschiedenen Sträuchern sind wichtig für das Überleben kleiner, teilweise bedrohter Säugetiere wie Mauswiesel, Haselmaus, Zwergspitzmaus und Bechsteinfledermaus. Silvia Ringger von der Naturschutz und Artenförderung GmbH nennt einige Beispiele: «Die seltene Haselmaus frisst nach dem Winterschlaf gerne Blüten des Weissdorns, und der Siebenschläfer ist auf Bucheckern, Knospen und Wildfrüchte angewiesen.» Verschiedene Straucharten seien wichtig, damit zu unterschiedlichen Zeitpunkten Früchte und Blüten für die Tiere zur Verfügung stehen.

Die Umweltnaturwissenschafterin leitet das Projekt «Landschaftsaufwertung für kleine Säugetiere» der Vereine Minimus und Naturnetz. Dabei arbeitet Silvia Ringger auch mit Forstbetrieben und Waldeigentümerinnen und -eigentümern aus dem Zürcher Unterland und dem Weinland zusammen. So geht sie etwa auf Forstbetriebe zu, wenn sie Potenzial für eine Landschafts- oder Wald­randaufwertung mittels Sträuchern sieht. «Manchmal gelangen Förster auch an mich, wenn eine Waldfläche sowieso aufgewertet wird, und fragen nach Sträuchern.» Bei der Pflanzung sollten möglichst viele einheimische standortangepasste Arten mit Herkunft aus der Region eingebracht werden. Sind die Sträucher gepflanzt, pflegen die Forstmitarbeitenden die Flächen und trichtern beispielsweise die Sträucher frei. Wichtig ist, dass die Sträucher genug Licht haben. Waldränder, Freihalte- und Schadensflächen, Wegränder sowie Ränder von Rückegassen eignen sich meist für deren Pflanzung. «Werden die Sträucher mit langsam wachsenden Baumarten kombiniert, wird es waldbaulich interessanter, und es gibt Synergien bei der Pflege. Auf Schadenflächen werden die Sträucher am besten innerhalb eines Jahres nach der Schlagräumung gepflanzt», rät Silvia Ringger. Auch bei der Aufwertung von Waldrändern begleitet sie Forstbetriebe. Die gemeinsamen Strauchpflanz- und -pflegeprojekte sowie Waldrandaufwertungen werden vom Verein Minimus finanziert und bieten Forstbetrieben eine willkommene zusätzliche Einnahmequelle.

Lebensraum für Wildkatzen

Beim Blick über die Landesgrenze, nach Deutschland, fällt besonders ein Projekt auf, bei dem Forstbetriebe für ihre Bemühungen zugunsten bedrohter Tierarten finanziell unterstützt werden. Im aktuell bedeutenden Naturschutz-Grossprojekt «Wildkatzenwälder von morgen» unterstützt das Bundesamt für Naturschutz während der nächsten sechs Jahre die Schaffung von Wäldern, Wald­rändern und waldnahen Offenlandbereichen für die Wildkatze, berichtet die «AFZ-DerWald». Gemeinsam mit Waldnutzenden und -besitzenden sollen für die heimische und fast ausgerottete Wildkatze strukturreiche Lebensräume entstehen und Gefährdungsursachen reduziert werden.

Eine wildkatzenfreundliche Waldwirtschaft bedeutet im besten Fall 20 % Totholz und 20 Biotopbäume pro Hektar, Kalamitätsflächen sollten möglichst mit Wurzeltellern belassen und die Beräumung sollte ausserhalb der Jungaufzucht zwischen März und August durchgeführt werden. Im Idealfall werden 15 % naturnahe Waldflächen bewahrt. Asthaufen, Baumhöhlen und Stammholz bieten wertvolle Verstecke. Gestufte Waldränder und Waldwiesen helfen auch der Europäischen Wildkatze, Nahrung zu finden. Seit dem Start des Projekts im Jahr 2022 wurden in Deutschland rund 55 ha «Wildkatzenwälder» gestaltet.

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