Für eine schöne Aufnahme ignoriert Bähram Alagheband auch mal das würzige Aroma frischen Pferdedungs.Fotos: Lucilias Mendes von Däniken

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Der Insektenfotograf macht fette Beute und hofft auf eine Sensation

Den Berner Insektenenthusiasten Bähram Alagheband während einer Fotopirsch auf der Jagd nach seltenen Krabbeltieren zu begleiten, ist ein Erlebnis. Für «WALD und HOLZ» wollte er herausfinden, was alles so in einem Mittellandwald kreucht und fleucht. Eine Reportage.

Lucilia Mendes von Däniken* | Montagmorgen kurz nach 8 Uhr – das Thermometer zeigt schon fast 30 Grad an. Trotzdem sind heute lange Hose, lange Socken, Trekkingschuhe und Zeckenspray anstelle von Sonnencreme angesagt. Es geht in den Wald auf Insektensuche zusammen mit dem Insektenfotografen Bähram Alagheband. Abgemacht haben wir um 8.30 Uhr – Abfahrtstermin. Bei einer «richtigen» Pirsch würde man eher frühmorgens oder dann spät­abends losziehen. 8.30 Uhr ist aber human und passt zu «Bäru», von dem nach einem Beitrag in der SRF-Wissenssendung «Einstein» nun sowieso die halbe Schweiz weiss, dass er Spätaufsteher ist.

Wir starten in Solothurn und fahren dann mit seinem Büssli ins angrenzende Bernbiet. Mit diesem Büssli ist er gerade zwei Wochen lang im Balkan unterwegs gewesen, um sich die dortigen Insekten anzuschauen. «Früher bin ich in der halben Welt herumgereist, auf der Suche nach grossen Insekten, farbenprächtigen Schmetterlingen und exotischen Sechsbeinern. Heute geniesse ich häufiger die Fauna der Schweiz», erzählt er. Eigentlich hätte man auch einfach im Garten oder in einem Pärkli in Solothurn auf die Suche gehen können. Aber uns interessiert heute: Was finden wir in kurzer Zeit alles in einem Schweizer Wald?

Wir parken am Waldrand und laufen los. Wobei laufen schon fast übertrieben ist. Es geht im Schneckentempo vorwärts. Insekten sind klein, schnell und manchmal so gut getarnt, dass man aufmerksam schauen muss. Doch Bähram Alaghebands Auge ist geschult. Er zeigt auf die Brennnesseln: «Da! Ein Gefleckter Schmalbock.» Er nimmt sein Becherglas mit Schaumstoffverschluss, fängt das Tier ein, und wir beobachten es. «Dieser Käfer betreibt Mimikry. Aufgrund seiner gelb-schwarzen Musterung halten ihn seine Fressfeinde für eine Wespe – und das kann ihm das Leben retten.»

Ein paar Wanzen fallen uns auf. «Das sind die wohl am wenigsten beliebten und dadurch auch am wenigsten erforschten Insekten», erklärt er weiter und beweist sogleich, dass eben doch so einiges über das Tier bekannt ist: «Wanzen sind keine Käfer. Das ist eine Gruppe – oder wissenschaftlich korrekt – eine Ordnung für sich. Käfer beissen, Wanzen saugen.» Er könnte wohl noch viel mehr erzählen, aber es kreucht und fleucht an einer nahen Hecke. «Fliegen! Zweiflügler», seien das, und die seien wichtiger, als man oft denkt: «Das sind im Wald die Bestäuber Nummer Eins!» Und schon richtet er seine Aufmerksamkeit auf die nächste Entdeckung: «Das ist eine Gespinstmotte – eine Ypnomeuta. Die ist besonders clever: Manche Arten dieser Insekten können Geräusche machen, welche Fledermäuse so irritieren, dass sie die Motte nicht fressen.»

Woher hat der 45-Jährige all das Wissen? «Ich interessiere mich schon seit meiner Kindheit für Insekten. Und abends war ich im Urlaub oft mit meinem Vater im Dschungel unterwegs und ging von Laterne zu Laterne, um zu schauen, was sich im Schein der Lampe so alles versammelte.» Diese Leidenschaft hat ihn nie losgelassen. Er begann, sich mit Entomologen auszutauschen, las Bücher, sammelte Informationen und tauchte immer tiefer in das Thema ein. Und auch die Kamera hatte er schon als Schulbub immer auf seinen Spaziergängen dabei.

«Da!», ruft er plötzlich, holt sein Becherglas aus der Tasche und schleicht sich an. «Was fällt dir an diesem Tier auf?», fragt er. Da ist ein Stachel! «Genau, das ist eine Skorpionsfliege – die ist einfach zu bestimmen, es gibt bei uns nur ein Insekt mit so einem gebogenen Stachel. Den haben nur Männchen. Und auch diese Fliege ist unglaublich schlau: Sie lässt andere für sich jagen und holt sich häufig das Futter in Spinnennetzen.»

Wir betrachten gerade den samtenen Körper eines Wollkäfers, als eine Reiterin hält. «Was sucht ihr da?», fragt sie, und schon ist Bähram Alagheband in ein Gespräch verwickelt – ein Gespräch über Insekten im Allgemeinen und Rossbremsen im Speziellen. Man merkt, dass er das geniesst. Und das bestätigt er nachher auch: «Ist doch cool, wenn die Menschen so neugierig sind. Und oft kann man da auch viel Aufklärungsarbeit betreiben. Ein verhasstes Insekt kann mit den richtigen Informationen plötzlich ganz sympathisch wirken.»

Es folgen eine Raubfliege – «die raubt und jagt im Fluge» –, eine Motte, die sich in der Farbe von Vogelkot tarnt, und dann fällt der Autorin selbst etwas Seltsames auf. Es sieht aus wie ein kleines Blatt, ist aber sehr symmetrisch und von der Farbe her extrem einheitlich. «Das ist das Tolle an all den Vorträgen und Exkursionen, die ich anbiete: Es entstehen immer viele Gespräche, und viele der Teilnehmenden erzählen mir später, dass sie nun mit viel offeneren Augen unterwegs sind – vielleicht etwas zu offen», ergänzt er dann lachend und zeigt seinen WhatsApp-Verlauf: zig Chats voller Bilder von Insekten. «Alle wollen plötzlich, dass ich beim Bestimmen helfe. Zum Glück macht mir das Spass.» Manchmal hülfen auch ihm Apps bei der Analyse, räumt er ein. Und so machen wir die Probe aufs Exempel: Das symmetrische Insekt kann er nämlich nicht eindeutig bestimmen, weshalb wir unsere Handys zücken: Einmal nehmen wir die Pro-Natura-App «Insekten CH», einmal bedienen wir uns der Google Lens. Einig sind sich beide, dass es sich um ein Flechtenbärchen handelt. Aber während Google auf ein «Grauleib-Flechtenbärchen» tippt, verkündet die Pro-Natura-App, dass es ein «Bleigraues Flechtenbärchen» ist. Wir bleiben ohne genaue Bestimmung, freuen uns aber über das kleine Wunder.

Wir verlassen den Weg und dringen über einen Pfad ins Waldesinnere. Bei einem Tümpel angekommen sagt er plötzlich: «Uh, jetzt wird es spannend. Etwas, das man nicht oft sieht: eine Hexenkrautwanze.» Sie hat sehr lange, stelzenartige Beine und gehört darum zur Familie der Stelzenwanzen. Fühler und Beine sind schwarz-weiss gepunktet. Sie erinnert an eine Mücke. Gemeinsam mit Mücken hat sie vor allem, dass man sie mehrheitlich in Feuchtgebieten antrifft.

Langsam machen wir uns auf den Rückweg. «Komisch, da hats jetzt nichts mehr», sage ich. Bähram Alagheband lacht: «Stopp! Challenge akzeptiert. Gibt mir eine Minute!» Er schaut in die angrenzende Vegetation und entdeckt innert einer Minute: eine Wespe, Ei-Frassspuren, eine Raupe, eine Skorpionfliege, einen Wollkäfer, eine Pflanzenwespe, eingerollte Blätter – «da wurden Eier abgelegt» – und Ameisen.

Kurz vor dem Parkplatz dann grosse Freude: Bei einigen Pferdeäpfeln hatten wir auf dem Hinweg einen Falter gesehen, den er sich gerne genauer angeschaut hätte, der aber davongeflogen ist. «Da sitzt er wieder», sagt Bähram Alagheband und zeigt, was «Fotopirsch» für ihn bedeutet. Er legt sich auf den Boden, robbt in Richtung stinkende Pferdeäpfel und platziert dann sein Handy mitten auf so einen Kothaufen. «Das ist ein Landkärtchen, und zwar die Sommeredition!», verkündet er und erklärt, dass es von dieser Art jährlich zwei Generationen gibt. Und dieses hier sei von der Musterung her definitiv von der zweiten Generation. Dann lacht er, als er merkt, dass er da so auf dem Boden liegend, die Nase fast im Kot versenkt selbst ein gutes Fotomotiv abgibt. Und da kommt dann der Emmentaler in ihm zum Vorschein «Jaja, Bäru u Gagu, das git immer es guets Motiv!», lacht er, und erklärt dann auch, warum eben dieser «Gagu» sehr hilfreich ist. «Er ist voller Mineralien, Salze und Nährstoffe. Sitzt so ein Falter mal da, verschwindet er nicht so rasch. Trotzdem muss man sich vorsichtig annähern.»

Bähram Alagheband ist zufrieden mit den Fotos – und da es langsam unangenehm heiss wird, kehren wir zum Büssli zurück. Dort zeigt er noch ein paar seiner Funde, die er mitgebracht hat: Kistchen voller auf Nadeln aufgepiekster Insekten. Ein Nashornkäfer aus Portugal, ein Asiatischer Laubholzbockkäfer, ein paar Falter und andere Insekten. Doch eines seiner Vorbilder, nämlich den verstorbenen französischen Insektenforscher Jean-Henri Fabre, zitierend gibt er zu: «Während andere den Tod studieren, studiere ich lieber das Leben!» So wichtig solche aufbewahrten Funde sind, ihm bereiten vor allem die spontanen Entdeckungen inmitten der Natur Freude.

Vorbei ist die Insektenpirsch. Wir sitzen wieder im Büssli, Bähram Alagheband startet den Motor – und würgt ihn sofort wieder ab. «Nei!», ruft er und ist schon wieder draussen. Er rennt und ärgert sich Sekunden später: «Ja gopf, das hätte ich nicht machen sollen. Ich habe mich zu schnell angeschlichen. Da war ich jetzt zu aufgeregt.» Sein Fund ist weg. «Wenn das das war, was ich vermute, dann wäre das eine kleine Sensation gewesen. Jä nu», sagt er, startet den Motor erneut – um ihn wiederum abzuwürgen: «Da isch är wieder, dä Soucheib!» Er rennt hinaus und verfolgt das flatternde Wesen. Erneut ohne Erfolg, aber noch überzeugter, einen guten Fund gemacht zu haben: «Wenn ich mich nicht täusche, dann war das ein Falter, der auf der Roten Liste steht! Ich muss unbedingt hierher zurückkehren.» Wir fahren los, und er nimmt mir das Versprechen ab: «Bitte nicht verraten, wo wir genau waren, sonst wird das hier zum Fotografen-Hotspot – und zwar bevor die Entomologinnen und Entomologen ihre Arbeit machen können.»

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