Daniel Fässler Bild: Parlamentsdienste

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Seit 150 Jahren ein modernes Gesetz

Viele der im Jahr 1876 im damaligen Forstpolizeigesetz festgehaltenen Bestimmungen sind noch heute aktuell. Daniel Fässler, Präsident von WaldSchweiz, über die Bedeutung des Gesetzes für die Wald- und Forstwirtschaft.

Die Schweiz war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch stark ländlich geprägt. In waldreichen Gebieten waren Häuser mit Holzschindeln gedeckt, Geräte und Werkzeuge bestanden aus Holz, und Holzzäune schützten das Vieh auf den Weiden. Holz wurde zum Bauen, Heizen und Kochen gebraucht. Wo nicht genügend Wasserkraft zur Verfügung stand, setzte die Industrie neben Kohle auch viel Holz ein, und die aufkommende Eisenbahn benötigte Holz für Schwellen. Das alles führte dazu, dass die Wälder in der Schweiz stark übernutzt wurden und nicht mehr in genügendem Masse nachwachsen konnten. Insbesondere in den Gebirgsregionen konnten sie vielerorts ihre Schutzfunktion nicht mehr erfüllen.

Um diese Entwicklung zu stoppen und den Schutz der Wälder zu verbessern, trat vor 150 Jahren – am 24. März 1876 – das Bundesgesetz über die Forstpolizei im Hochgebirge (Forstpolizeigesetz) in Kraft. Damit wurde der zwei Jahre zuvor in die Bundesverfassung eingefügte Artikel umgesetzt, der dem Bund die Oberaufsicht über die Forst- und Wasserpolizei übertrug. Das Forstpolizeigesetz galt anfangs nur für «Wälder mit Schutzfunktion im Hochgebirge», was in einigen Jura-Kantonen zu Widerständen gegen die Begrenzung der Bundesunterstützung auf die Gebirgskantone führte. Erst 1902 wurde der Geltungsbereich des Forstpolizeigesetzes auf die ganze Schweiz ausgeweitet, nachdem 1897 der Zusatz «im Hochgebirge» aus dem Verfassungsartikel gestrichen worden war.

Vier stabile Grundpfeiler

Das Forstpolizeigesetz von 1876 legte fest, dass jede Generation ein Anrecht auf die gleichen Ertragsmöglichkeiten haben soll. Anders gesagt: Es sollen immer nur die «Zinsen» – das nachwachsende Holz – genutzt werden, während das «Kapital» – der Holzvorrat – unangetastet bleiben soll. Heute nennt man das «Nachhaltigkeit». Ausserdem verlangte das Gesetz, dass die Waldfläche erhalten bleiben muss und dass gerodete Waldflächen wieder aufgeforstet werden müssen. Die Kantone wurden verpflichtet, ausgebildete Forstleute anzustellen, um die Bewirtschaftung der Wälder zu planen und zu überwachen. Für die Bewirtschaftung von Schutzwäldern sollten die Kantone Subventionen erhalten. Diese vier Grundpfeiler gelten bis heute.

In den letzten 150 Jahren hat sich der Wald in der Schweiz in jeder Hinsicht – flächenmässig, aber auch naturbezogen – prächtig entwickelt. Überschwemmungen, Steinschläge, Rutschungen und Lawinen, die sich im 19. Jahrhundert gehäuft hatten, sind unter anderem dank der sich erholenden Waldfläche und der auf Nachhaltigkeit beruhenden Waldpflege markant zurückgegangen. Einst kahle Hügel sind heute wieder bewaldet. In den letzten Jahrzehnten wuchs das öffentliche Interesse an anderen Waldfunktionen, insbesondere in den Bereichen Biodiversität und Erholung. 1991 wurde das Forstpolizeigesetz durch ein neues Bundesgesetz über den Wald, das Waldgesetz, ersetzt. Dieses trägt der Multifunktionalität des Waldes und den neuen Ansprüchen, wie der Raumplanung oder dem Natur- und Landschaftsschutz, besser Rechnung. Die Debatten zum neuen Waldgesetz wurden nicht nur durch veränderte Waldnutzungen geprägt, sondern standen auch unter dem Eindruck der in den 1980er-Jahren geführten Diskussionen über das Waldsterben.

Der Druck auf den Wald nimmt zu

Mit welchen Herausforderungen ist der Wald heute konfrontiert? Die Bevölkerung der Schweiz ist in den letzten 30 Jahren um über zwei Millionen Menschen gewachsen. Der motorisierte Individualverkehr und der öffentliche Verkehr sind im selben Zeitraum noch stärker gewachsen und beanspruchen immer mehr Fläche, auch im Wald. Raum und Flächen, ob inner- oder ausserhalb der Bauzonen, stehen unter hohem Druck, vor allem das Kulturland. Der Wald wird ausserdem immer stärker beansprucht, zum Beispiel für Freizeitaktivitäten. Das schlägt sich in der Politik nieder. Forderungen, auch den Wald für Bauten und Anlagen zur Verfügung zu stellen oder die Pflicht zum Rodungsersatz zu lockern, nehmen zu.

Weiteres Ungemach droht von der Finanzpolitik des Bundes. Während die Ausgaben in vielen Bereichen ungebremst weiterwachsen, schlägt der Bundesrat mit dem «Entlastungspaket 27» auch Sparmassnahmen vor, welche den Wald treffen würden. Er schlägt sogar eine Änderung des Waldgesetzes vor, damit sich der Bund vollständig aus der forstlichen Ausbildung zurückziehen könnte. Es drohen tiefgreifende Änderungen in der Waldpolitik, in Punkten, die auf das Forstpolizeigesetz von 1876 zurückgehen.

Es ist klar, dass der Wandel der Zeit auch vor dem Wald nicht Halt macht. Seit dem Erlass des Forstpolizeigesetzes vor 150 Jahren haben sich der Wald und die Ansprüche an ihn stark verändert. Gerade für den Wald, der zeitmässig in anderen Dimensionen funktioniert, ist es trotzdem angezeigt, Anpassungen der Waldgesetzgebung sorgsam und zurückhaltend anzugehen. Der Wald muss seine Nutz- und Schutzfunktion auch künftig wahrnehmen und die Ökosystemleistungen erbringen können. Dies ist nicht nur im Interesse der Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer, die bis heute den Wald nutzen, schützen und pflegen, sondern im Interesse der gesamten Bevölkerung.
(Daniel Fässler, Ständerat Appenzell Inner­rhoden und Präsident von WaldSchweiz)

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