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Die Baumhasel zeigt waldbau­liches Potenzial in der Schweiz

Das waldbauliche Potenzial der Baumhasel ist wenig erforscht. Ein Anbauversuch in der Schweiz, der im Rahmen einer Zusammenarbeit mit Partnern aus Deutschland erfolgte, deckt ersten Auswertungen zufolge durchaus Potenzial für den Schweizer Wald auf.

Von Petia Nikolova, Nico Frischbier, Muhidin Šeho* | Die in Südosteuropa und Asien heimische Baumhasel wurde im 17. Jahrhundert in Mitteleuropa in Parkanlagen und Gärten eingeführt. Genetische Analysen zeigen unterschiedliche Refugien und Migrationspfade im natürlichen Verbreitungsgebiet; dieses reicht nicht bis nach Mitteleuropa. Das waldbauliche Potenzial dieser Art ist trotz ihrer wertvollen ökologischen und wirtschaftlichen Eigenschaften bislang wenig erforscht. Neue Anbauversuche in der Schweiz und in Deutschland untersuchen deshalb diese als klimaresilient geltende Baumart unter mitteleuropäischen Wuchsbedingungen.

Was ist über die Baumhasel bekannt?

Die Baumhasel (Corylus colurna L.) ist eine waldbaulich und ökologisch interessante Baumart, die nicht nur als dürreresistent sowie frost- und stresstolerant gilt, sondern bisher auch eine geringe Anfälligkeit gegenüber Insekten und Pilzen aufweist. Das natürliche Verbreitungsgebiet der Baumhasel umfasst die Balkanhalbinsel, Teile Klein­asiens sowie das Bergland Afghanistans. Sie wächst sowohl auf kalkhaltigen als auch auf silikatischen Standorten, wurde jedoch durch die jahrelange Übernutzung auf flachgründige, nährstoffarme Böden oder trockene Kalkböden und Karstgebiete verdrängt. Sie kann bei jährlichen Niederschlägen zwischen 570 und 800 mm gut gedeihen. Die durchschnittliche Jahrestemperatur im natürlichen Verbreitungsgebiet liegt zwischen 5 und 13 °C, wobei sie Temperaturextreme von –38 bis +40 °C toleriert. Die Baumhasel weist ein rasches Wachstum auf, mit Jahrestrieben von 50 cm (maximal 170 cm) und Jahrringbreiten von durchschnittlich 3 mm (maximal 8 mm). Sie erreicht Brusthöhendurchmesser von 50–60 cm (maximal 170 cm) sowie Oberhöhen von 25–30 m (maximal 35 m). Sie bildet eine im jungen Alter wipfelschäftige und später breitere Krone. Die Pfahlwurzeln erreichen Bodentiefen bis zu 4 m und durchwachsen auch skelettreiche Böden. Ihre Schattenverträglichkeit ist vergleichbar mit der Elsbeere. Sie kann im natürlichen Ausbreitungsgebiet unter lichten Eichen- und Kieferkronen, aber auch unter alten Rot- und Orientbuchen gedeihen. Ihre Streu ist leicht zersetzbar. Die Baumhasel hat alle 2 bis 3 Jahre Mastjahre, und ihre Nüsse werden durch Tiere verbreitet. Die Baumhasel kann dank guter Stockausschlagfähigkeit überdauern und erneut austreiben.

Aufgrund extremer Übernutzung wurde die Baumhasel bereits im 18. Jahrhundert selten. Infolgedessen ist sie heute – ähnlich wie die Eibe – in der Natur selten und wird international als Rote-Liste-Art mit dem Status «Least Concern» (verhältnismässig geringe Besorgnis) geführt. Sie kommt in Beständen oft nur noch als Einzelbaum oder in Kleingruppen vor. In ihren Ursprungsländern besitzt die Baumhasel heute kaum waldbauliches Potenzial, da sie über Jahrzehnte weder gefördert noch systematisch genutzt und wertgeschätzt wurde. Dies führte zu einer Schrumpfung und Fragmentierung ihres natürlichen Verbreitungsgebiets, wodurch die einzelnen, verbliebenen Vorkommen eine deutliche genetische Differenzierung aufweisen. Genetische Analysen zeigen drei Genpools, die weitgehend den drei unterschiedlichen Verbreitungsgebieten (Balkan, Türkei, Georgien) entsprechen. Da die Herkunft massgeblich solche Merkmale wie Wachstum, Holzqualität und Anpassungsfähigkeit beeinflusst, sind Informationen aus Anbauversuchen essenziell, um geeignete Herkünfte für den klimabedingten Anbau der Baumhasel in mitteleuropäischen Wäldern zu bestimmen.

Die Schweizer Anbaufläche bei Ittenthal

Ein Schweizer Anbauversuch bei Itten­thal (AG) wurde in den Jahren 2018 und 2019 im Rahmen einer Kooperation mit Partnern aus Bayern und Thüringen (DEU) initiiert und nun erstausgewertet. Im Partnerverbund wurden zwischen 2016 und 2020 an insgesamt vier Standorten wissenschaftlich begleitete Herkunftsversuche mit Saatgut aus den drei Verbreitungsgebieten Georgien, Türkei und Balkan (Herkünfte aus Bulgarien und Serbien) durchgeführt (vgl. Tabelle unten). Die Pflanzungen erfolgten an Standorten, die ähnliche Bodenverhältnisse wie in den Herkunftsgebieten aufweisen, jedoch eine breite klimatische Gradiente gewähren. Die Versuchsstandorte bieten für die Baumhasel eher kühl-feuchte, bisher buchengeeignete Klimabedingungen (durchschnittliche Jahrestemperatur: 7,2–9,5 °C; jährlicher Niederschlag: 650–1100 mm). In den Jahren 2018 bis 2022 erwiesen sich die Standorte allerdings als trocken, und es ist zu erwarten, dass die Wasserverfügbarkeit dort im Zuge des Klimawandels weiter abnehmen wird.

Angelegt wurde die Versuchspflanzung bei Itten­thal im Forstbetrieb der Gemeinde Kaisten (AG) ab April 2018 auf zirka 0,7 ha Freifläche nach Buche. Das Saatgut wurde über wissenschaftliche Kooperationen beschafft und die Sämlinge im Versuchsgarten der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf (ZH) selbst aufgezogen. Insgesamt wurden auf der Schweizer Fläche 207 wurzelnackte einjährige Sämlinge mit Sprosslänge 40–110 cm in drei Kampagnen (April 2018, November 2018 und Oktober 2019) gepflanzt und mit Wuchshüllen geschützt. Hierbei wurden die Baumhaseln in insgesamt 13 Pflanzenreihen in 10 m Reihenabstand mit zirka 3 m Pflanzabstand räumlich arrangiert und anschliessend einmal pro Jahr flächig gepflegt. Die geschätzten Gesamtkosten für Pflanzung, Wildschutz, Kulturpflegen (5 Jahre) inklusive Saatgut und Pflanzenproduktion belaufen sich pro Hektare auf etwa 8700 Schweizer Franken.

Die Mortalität, das Höhenwachstum und die Schäden sowie Schaftformen wurden an allen Baumhaseln über drei beziehungsweise fünf Vegetationsperioden beobachtet. Die durchschnittlichen jährlichen Mortalitätsraten lagen in Ittenthal zwischen 0,8 und 6,0%, was einer niedrigen Mortalitätsrate im Vergleich zu den anderen drei Anbau­flächen in Deutschland entspricht (0–14%). Die höchste Überlebensrate wurde mit 96% nach fünf Vegetationsperioden bei der Herkunft aus Byala (BGR) beobachtet, während die serbische Herkunft Miroc mit 76% nach vier Vegetationsperioden die niedrigste Überlebensrate aufwies. Die Überlebensraten der Baumhasel in Ittenthal sind somit ähnlich hoch oder sogar deutlich höher als die festgestellten 76% im schweizweit angelegten Testpflanzungsprojekt, in dem die Herkünfte Byala, Miroc und Bolu (TUR) ebenso getestet werden. Der Standort Itten­thal wies besonders hohe jährliche Zuwächse auf, insbesondere bei der bulgarischen Herkunft Byala (durchschnittlich 39 cm, maximal 78 cm). Das durchschnittliche jährliche Höhenwachstum aller Herkünfte variierte in Ittenthal zwischen 21 und 39 cm sowie in Deutschland zwischen 7 und 38 cm und deutet auf ein rasches Jugendwachstum hin.

Auffällige Frostempfindlichkeit

Schäden durch Mäuse, Insektenfrass oder Pilzbefall waren in diesen ersten Jahren im Gesamtversuch selten (<10%) und in Itten­thal überhaupt nicht aufgetreten. Allerdings kam es zu Wipfeltriebschäden. Auffällig war hierbei die Frostempfindlichkeit der Baumhasel aus Kojori (GEO), welche im Frühjahr 2023 in Ittenthal früh austrieb und anschliessend von Spätfrost betroffen war. Die Baumhasel zeigte sich im gemeinsamen schweizerisch-deutschen Anbauversuch insgesamt als robuste und regenerationsfähige Baum­art mit sehr verlässlichem Anwuchserfolg nach der Pflanzung selbst von
wurzelnackten Sortimenten. Die Schaftformen waren bisher bei den meisten Herkünften zufriedenstellend, mit nur geringer Zwieselbildung und niedrigen Verbuschungsraten. Allerdings zeigte die Gesamtauswertung auch auf, dass Waldstandorte mit erhöhter (Spät-)Frostgefahr für den Baumhaselanbau gemieden werden sollten. Dagegen konnten Anbauhemmnisse der Baumhasel an ihrer möglichen ökologischen Trockengrenze auf den Prüfflächen nicht nachgewiesen werden.

Eignung und Anwendungsbereiche

Geeignete Standorte für die Baumhasel sind tiefgründige, aber auch trockene, kalkreiche Böden in milden bis trocken-warmen Klimazonen (>8,5 °C). Die getesteten Herkünfte Byala und Bolu zeigen bisher besonders Erfolg versprechende Eigenschaften hinsichtlich Überlebensrate und Wachstum auf den vier Anbauflächen in Deutschland und der Schweiz. Um die Baumhasel für forstwirtschaftliche oder ökologische Zwecke zu empfehlen, müssen zunächst aber noch zwei zentrale Fragen geklärt werden.

Die erste dieser beiden Fragen lautet: Auf welchen Standorten kann die Baumhasel Waldleistungen übernehmen, während einheimische Baumarten an ihre Grenzen stossen? In der Schweiz werden Baumartenempfehlungen über die Tree-App formuliert. Aufgrund fehlender Erfahrungen und Informationen wird die Baumhasel in diesen Empfehlungen bisher jedoch nicht berücksichtigt. Im DokuTool Zukunftsbaumarten wurden in den letzten Jahren zahlreiche kleine Praxisanbauten mit der Baumhasel angelegt, was das wachsende Interesse der Forstpraxis an dieser Baumart verdeutlicht. Die langjährige Bekanntschaft der Baumart aus der Stadtbegrünung, aber auch dass sie aus benachbarten geografischen Regionen stammt, sorgen für grosse Akzeptanz für diese Baumart. In der Waldwirtschaft scheint sie besonders geeignet für Standorte, an denen andere Baumarten klimatisch oder phytopathologisch an ihre Grenzen stossen – etwa die Esskastanie im Mendrisiotto (TI), die Waldkiefer in den inneralpinen Tälern im Wallis oder die Buche an einigen trocken-warmen Sonnenlagen im Mittelland und im Baselbiet. Daher sind eben dort experimentelle Ergänzungspflanzungen in lichten, geschwächten Beständen wissenschaftlich interessant und waldbaulich vielversprechend. Dabei sollte besonders auf die Verwendung von geeigneten Herkünften und qualitativ hochwertigem Pflanzmaterial geachtet werden.

Die zweite Frage ist jene nach dem potenziellen Risiko, also ob die Baumhasel langfristig invasive Eigenschaften entwickelt und die heimische Vegetation verdrängt. Die Invasivität stellt ein wichtiges Kriterium für den künftigen Anbau oder Nichtanbau von Baumarten im Wald dar. Die Baumhasel ist eine europäische Baumart, die als nicht invasiv betrachtet wird. Weder die EU-Verordnung über invasive Arten noch die Listen der invasiven und potenziell invasiven Neophyten in der Schweiz und in Deutschland führen sie als solche auf. Auch in den Herkunftsregionen wird die Baumhasel als nicht invasiv eingestuft, da sie in den Mischwäldern aktuell eine untergeordnete Rolle spielt, sich bei den starken Konkurrenten wie Eichen oder Buchen üblicherweise nicht durchsetzen kann und auf ökologische Sondersituationen angewiesen ist.

Weitere Versuche sind nötig

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse der vorliegenden Studie sind weitere Herkunftsforschungen sowie Praxisanbauversuche zur Baumhasel erforderlich. Insbesondere fehlen belastbare Ergebnisse zur Risikoeinschätzung dieser Baumart gegenüber biotischen Schadfaktoren sowie Anbaueignung auf verschiedenen Standorten. Die ernst zu nehmenden Hinweise aus dem Stadtgrün, dass die Baumhasel bereits vereinzelt unter Schaderregern leidet, sollten unter intakten Waldbedingungen dringend überprüft werden. Praxisnahe Versuche mit der Baumhasel stellen hierfür eine wertvolle Datenquelle dar. Das
waldbauliche Potenzial der Baumhasel könnte in der Schweiz vor allem in den derzeit gesundheitlich geschwächten
Kastanien-, Waldkiefer- und Buchenwäldern getestet werden.

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