Vita-Parcours locken die Massen an, und zwar sowohl als Aktive als auch als Zuschauer.Bild: Zentralbibliothek Solothurn/Ernst Klöti

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Wie Zürcher Förster einen weltweiten Trend begründeten

Seit rund 60 Jahren locken Vita-Parcours Menschen in den Wald, die sich fit halten wollen. Ende der 1960er-Jahre in einem Zürcher Wald entstanden, zeigen diese Sportparcours perfekt, wie wichtig der Wald für die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden ist.

Michael Clottu | In den 1960er-Jahren trainierte ein Männer-Turnverein aus Wollishofen (ZH) regelmässig im Freien. Anstatt in einem stickigen Raum Gewichte zu stemmen, hob das Team im Wald Holz. Und der mit natürlichen Hindernissen übersäte Boden ist einer Sporthalle mehr als ebenbürtig: Umgestürzte Stämme, Baumstümpfe, Äste und Böschungen bieten ein ideales Trainingsgelände.

Dummerweise arbeiteten die Förster der Revierverwaltung äusserst gewissenhaft und beseitigten diese improvisierten Trainingsgeräte regelmässig. Die Turner hatten es schliesslich satt, dass ihre natürlichen Trainingsgeräte immer wieder verschwanden, und baten Carlo Oldani, Oberförster der Stadt Zürich, ihnen etwas Holz zum Trainieren übrig zu lassen. Carlo Oldani machte sich später übrigens als Pionier der Waldlehrpfade einen Namen. Dieses Konzept inspirierte hernach zahlreiche ähnliche Initiativen in der ganzen Schweiz. Die ETH Zürich verlieh ihm 1984 für seine Arbeit zur Popularisierung der Forstwirtschaft sogar die Ehrendoktorwürde.

Nach dieser ersten Etappe schlugen die Turner ihrer Gemeinde vor, im Wald einen öffentlichen Parcours mit fest installierten Geräten anzulegen. Der Vorschlag wurde angenommen, und die Gemeinde fand einen starken Partner zur Finanzierung des Projekts: die Versicherungsgesellschaft Vita, die heute zur Zurich Group gehört. Mit Unterstützung eines Sportlehrers der ETH Zürich, Carl «Charly» Schneiter, wurde im Mai 1968 unweit des Zürcher Zoos der erste «Vita-Parcours» eingeweiht.

Einfaches Konzept für ein breites Publikum

Was als sympathische, lokale Initiative begann, entwickelte sich schnell zu einem nationalen Phänomen. Das Konzept bestach durch seine Einfachheit: ein rund 13 Kilometer langer Parcours im Wald, gespickt mit Stationen, an denen Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination trainiert werden konnten.

Waren diese angelegten Wege zunächst für erfahrene Sportler gedacht, weiteten die Initiatoren des Projekts ihr Konzept ab 1972 auf Familien und weniger aktive Menschen aus. Die Verbreitung war spektakulär, und die Vita-Parcours schossen im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden: Nur fünf Jahre nach der Einweihung des ersten Parcours wurde der 100. der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im Jahr 1990 waren es bereits 500.

Die Parcours sind im ganzen Land mehr oder weniger identisch. Sie befinden sich meist im Wald, sind etwa 2 Kilometer lang und umfassen 15 Stationen. Sie werden den topografischen Gegebenheiten angepasst, und auch die Abstände zwischen den Sta­tionen sind nicht immer gleich gross. Die an jeder Station angebrachten Schilder zeigen in Gelb, Rot oder Blau an, um welche Art von Übung es sich handelt: Gelb steht für Beweglichkeit und Geschicklichkeit, Rot für Kraft und Blau für Ausdauer.

Eine Idee, die sich gut exportieren lässt

Der Erfolg machte nicht an den Schweizer Grenzen halt. Das Modell inspirierte schnell viele Länder, sei es durch Touristen oder durch im Ausland lebende Schweizer, die versuchten, die Idee in ihrem Gastland umzusetzen. Von den deutschen «Trimm-dich-Pfaden» bis hin zu den Fitnessparcours in Nordamerika oder Australien findet die Idee eines strukturierten Trainings in der freien Natur grossen Anklang.

1990 wurde in der Schweiz der 500. Vita-Parcours eingeweiht, und 1993 wurde die Stiftung Vita Parcours gegründet, um «den kostenlosen Breitensport und die körperliche Aktivität von Familien zu fördern» und «die Gesundheitsvorsorge für die in der Schweiz lebende Bevölkerung zu verbessern», wie es auf dem Portal des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten zum Thema Sport und Freizeit in der Schweiz heisst.

Im Jahr 2008 wurden die Sportparcours nach ihrem Hauptsponsor in «Zurich vitaparcours» umbenannt. Heute gibt es in der Schweiz immer noch rund 500 Zurich vitaparcours. Zusammen bilden sie das, was manche gerne als «den grössten Fitnessclub des Landes» bezeichnen – rund um die Uhr zugänglich und ohne Abonnement, für Jugendliche und Erwachsene oder begleitete Kinder. Laut der Stiftung Vita Parcours entsprechen die aktuellen Zurich vitaparcours der Sicherheitsnorm EN-16630 für ortsfeste Module für das Training im Freien».

Jeder Parcours wird von einer lokalen Organisation betreut. Die «Mutter» des Projekts, die Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG, schätzt, dass «in 89 % der Fälle die betreffende Gemeinde dafür zuständig ist». Die restlichen 11 % verteilen sich auf private Vereine und regionale Tourismus­organisationen.

Der Wald als frei zugänglicher Fitnessraum

Der Erfolg dieser Parcours ist auch darauf zurückzuführen, dass sie die besonderen Eigenschaften des Waldes nutzen. Das Blätterdach schützt vor Sonne und Wind, der Waldboden schont die Gelenke, und die natürliche Umgebung trägt zur mentalen Entspannung bei. Die Vita-Parcours veranschaulichen auch eine der wesentlichen Funktionen des Schweizer Waldes: der Bevölkerung einen Ort der Entspannung, der Bewegung und des Wohlbefindens zu bieten.

Fast 60 Jahre nach ihrer Erfindung sind die Vita-Parcours nach wie vor Teil der Schweizer Landschaft. Ihre Pflege basiert auf einer Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Sportvereinen und lokalen Organisationen. Jedes Jahr nutzen Tausende von Menschen die zwischen den Bäumen installierten Stationen. Dieses einfache Konzept, das sich weltweit durchgesetzt hat, entstand aus einem einfachen praktischen Problem. Förster, die lediglich ihre Arbeit verrichteten und den Wald von Totholz befreiten, lösten damit unbeabsichtigt ein Phänomen aus, das sich in Hunderten von Wäldern des Landes etablierte und weltweit zahlreiche Nachahmer fand.

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