Der Seelensteg im Entlebuch führt auf rund 500 Metern zu den schönsten Waldbildern.Bilder: Lucilia Mendes von Däniken

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Auf Holzplanken über den Boden des Entlebucher Waldes schweben

In Heiligkreuz (LU) lädt der Seelensteg dazu ein, die Natur und den Wald aus einer neuen und ungewohnten Perspektive zu erleben. Ursprünglich aus Lothar-Sturmholz gebaut, vereint der Rundweg symbolisch die Themen Werden, Sein und Vergehen in sich, sagt Förster Urs Felder.

Lucilia Mendes von Däniken* | Wer im Wald spazieren geht, sollte auf dem Weg bleiben. Trotzdem – und vor allem in der Beeren- und Pilzsammelzeit – streift man gerne quer durch den Wald. Kämpft sich durchs Dickicht, bleibt an Brombeerstauden hängen oder muss aufpassen, dass man nicht über Wurzeln stolpert. Durch diese natürlichen Hürden abgelenkt, geht viel vom sinnlichen Walderlebnis verloren.

In Heiligkreuz macht der Seelensteg dieses ganz bewusste Walderlebnis möglich: innehalten, spazieren und in die Wipfel schauen, hinhören, den Alltag loslassen. Der rund 500 Meter lange Rundweg führt auf Holzplanken zu den schönen Waldbildern dieses sehr urtümlichen Waldes mit vielen Heidelbeerstauden und grossen Farnen. Der Spaziergang durch den Wald fühlt sich fast ein bisschen wie «über dem Boden schweben» an. Zu jeder Jahreszeit!

Heiligkreuz war früher ein beliebter Pilger- und Wallfahrtsort. Die Kirche, welche damals Kapuziner betreuten, wurde an einem Spitzentag von bis zu 6000 Pilgern besucht. Doch mit der Zeit liess das Interesse nach – und man machte sich Gedanken, wie man Heiligkreuz als Kraftort wieder beliebter machen könnte.

Und dann kam Lothar

1999 setzte sich die Pflegschaft Heiligkreuz mit der Arbeitsgruppe Bildung, Erholung und Tourismus der Unesco-Biosphäre Entlebuch zusammen an einen Tisch. Im Gespräch entwickelten der Katechet Hans Stöckli sowie die Waldpädagogen und Förster Beat Burren und Urs Felder die Idee des «Seelenstegs», welchen man in einem nicht genutzten Stück Wald nahe der Kirche errichten wollte. Nur wenig später – im Dezember 1999 – tobte der Jahrhundertsturm Lothar. Dieser machte in der Umgebung von Heiligkreuz ganze Waldstücke dem Erdboden gleich. Für Förster Felder war dies ein Zeichen: «Rasch war klar, dass wir dieses Holz für den Steg nutzen wollten. So liessen wir es noch vor Ort zusägen und bauten daraus den Seelensteg, den wir im Sommer 2000 eröffnen konnten.» Im Wald, wo der Seelensteg heute steht, ging damals nur ein einziger Baum zu Boden. Auch dieser wurde im Steg als «Waldbild» integriert.

Mit der Verwendung des Sturmholzes erhielt der Steg eine Symbolik, die bis heute weitergetragen wird: «Werden, Sein und Vergehen – das ist so nicht nur um ihn herum, sondern auch im Steg sicht- und oft auch fühlbar», so Urs Felder. Der Steg verbindet wie eine Brücke zwei Welten. Fast ein bisschen wie die Bäume: mit den Füssen auf dem Boden, mit dem Kopf im Himmel.

In diesem Jahr wird der Seelensteg 25 Jahre alt. Gefeiert wird das Jubiläum aber erst 2026: «Wir planen im nächsten Jahr ein paar Festivitäten zum Fünfundzwanzig-Jahr-Jubiläum der Biosphäre Entlebuch – und da wollen wir den Seelensteg integrieren.» Früher gab es auf diesem Schneeschuhtouren, Jodel- oder Alphornkonzerte, und es wurde auch meditiert. Ausserdem haben bereits viele Schulen, Vereine, Firmen und Organisationen den Steg besucht.

Aktuell sei man daran, den Seelensteg wieder bekannter zu machen: «Es geht nicht darum, viele Touristen in den Wald zu locken. Die Aktivitäten sollen zum Steg und zur Umgebung passen.» So ist zum Beispiel im früheren Kapuziner-Hospiz mit dem «Refugio Heiligkreuz» ein Ort der Ruhe und der Achtsamkeit entstanden. «Zusammen mit der Refugio-Leitung prüfen wir, ob Yoga-Plattformen als Ergänzung zum Steg eine Idee wären», erklärt Urs Felder.

Geomantische Messungen

Aus Neugier hat man vor ein paar Jahren geomantische Untersuchungen machen lassen. Geomantie – abgeleitet aus den griechischen Wörtern für «Erde» und «Wahrsagung» – ist die Lehre von den Energien der Erde und deren Einfluss auf den Menschen. Diese Untersuchungen sollten die emotionale und energetische Energiequalität des Stegs erfassen. Die Resultate zeigten: Intuitiv hat man damals den Steg so gebaut, dass er an besonders starken Magnetfeldern vorbeiführt.

Urs Felder spürt die Energie unabhängig von Zahlen: «Jobmässig bin ich nicht mehr oft hier unterwegs, aber privat immer mal wieder. Wenn ich über den Steg und allgemein hier durch den Wald spaziere, spüre ich schon eine besondere Kraft. Aber passiert das nicht allgemein in Wäldern, wenn man sich bewusst auf die Geräusche konzentriert und die Naturenergie, die in den Bäumen steckt, auf sich wirken lässt?»

Die Menschen sensibilisieren

Über all die Jahre hat der Seelensteg Spuren der Vergänglichkeit gezeigt. Darum musste er immer wieder geflickt werden. «Heute ist wohl kein Brett der Ursprungszeit mehr im Steg verbaut», so Urs Felder. Um den Unterhalt des Stegs sowie der anderen Pfade kümmern sich der Geschäftsführer des Erlebniszentrums Kraftort Heiligkreuz sowie eine Handvoll ehrenamtliche Helfer. Auch Zivildienstleistende oder Bergversetzer sind regelmässig im Einsatz.

«Ich bin seit fünfundzwanzig Jahren auf dem Steg unterwegs – und habe eine Vielzahl an Prozessen erlebt. Den Sturm, den Aufbau, die Verwitterung, den Wiederaufbau. Es kann gut sein, dass da, wo früher ein starker Baum stand, jetzt Totholz steht oder liegt, welches einem Specht als Zuhause dient. Ich habe gesehen, wie Bäume umgefallen und darauf neue Bäume gewachsen sind», so Urs Felder. Er wünscht sich, dass wieder mehr Seelensteg-Führungen möglich sind: «Die Menschen dafür zu sensibilisieren, was in unseren Wäldern langfristig passiert, warum gewisse Dinge geschehen oder gemacht werden müssen und was wir daraus lernen können, ist mir ein grosses Anliegen. Nur so können wir bewusst machen, welche Kraft in Wäldern und im Holz vorhanden ist.»

 

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