Waldameisen legen ihre Nester gern an einem Baumstrunk an, da dieser dem Bauwerk zusätzliche Stabilität verleiht.Foto: Alexandra von Ascheraden

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Ein Hauen und Stechen, auf das der Wald aber angewiesen ist

Unter den acht heimischen Waldameisenarten geht es drunter und drüber. Sie kapern gegenseitig Nester, versklaven ihre Nachbarn und rauben sich Puppen. Gleichzeitig bieten sie anderen Insekten bei sich Unterschlupf. Ein Blick in die unbekannten Tiefen des Ameisenbaus.

Alexandra von Ascheraden* | Waldameisen sind für die heimischen Wälder eine Schlüsselspezies, und zwar wegen ihrer Bedeutung für die Nährstoffkreisläufe. In der Schweiz leben acht solche Arten der Gattung Formica, doch nur im Kanton Graubünden kommen die acht Arten gemeinsam vor. Alle legen unterirdische Kammern an und häufen die charakteristischen Hügelnester aus Pflanzenmaterial darüber. «In der Schweiz gibt es aufgrund der unterschiedlichen Klimazonen total etwa 145 Ameisenarten. In Deutschland sind nur ungefähr 115 bekannt, während in Schweden die Anzahl Arten nur noch gut 70 beträgt», sagt Brigitte Braschler. Die Ökologin ist am Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) tätig und hatte zuvor lange an der Universität Basel geforscht.

Eine Waldameise zu erkennen, ist keine Kunst. Aber die Art zu bestimmen, ist gar nicht so einfach. Dafür sind Spezialwissen und ein gutes Auge nötig. Man unterscheidet sie an der Färbung ihrer Körpersegmente und vor allem an speziellen Eigenheiten der Behaarung. Das zeigt sich auch in der Benennung der jeweiligen Art. So unterscheidet man zwischen Schwach- und Starkbeborsteter Gebirgswaldameise. Es gibt aber auch die Kahlrückige Waldameise. Letztere ist besonders im Kanton Zug stark vertreten. Je nach Region sind dort zwischen 60 und 80 Prozent der Nesthügel von ihr belegt. Auch einer Spezialistin wie Brigitte Brasch­ler gelingt die Artenbestimmung nicht immer ohne Weiteres: «Im Freiland kann ich nur gewisse Ameisenarten bestimmen; etwa wenn sie eine einzigartige Färbung für ihre Gattung haben. Bei den Waldameisenarten brauche ich zur Feinunterteilung mindestens ein Okular, um die Behaarung an diversen Körperstellen genau zu erkennen.» Hinzu kommt, dass in Waldameisennestern häufig Hybride aus zwei Arten vorkommen. Daher untersucht Brigitte Braschler immer mehrere Individuen aus demselben Nest, um sicher zu sein.

Auch die Lage des Nests hilft der Ökologin, einzuschätzen, mit welcher Art sie es zu tun hat. Rote Waldameisen lieben gut besonnte Stellen am Waldrand. Ins Bestandsinnere dringen sie nur selten vor, Fichtenwälder meiden sie ganz. Ihre Nester gründen sie an morschen Baumstümpfen, und sie bilden, wie alle Waldameisenarten, grosse Kolonieverbände. Allerdings sind Einzelnester bei ihr häufiger als bei der Kahlrückigen Waldameise. Diese findet man eher im Waldesinneren und auch in Wäldern mit Fichtenbestand. Die grösste bekannte Superkolonie dieser Art liegt in Tschechien, besteht aus etwa 1200 Nestern und dehnt sich auf 134 Hektar aus. Diese Art errichtet zugleich die grössten Hügelnester aller Ameisenarten weltweit. Das berühmteste ist eines in der Nähe von Moskau mit 28,5 m³ Hügelvolumen. Mittels einer «Verkehrszählung» entlang der Ameisenstrassen wurde die Zahl der darin lebenden Ameisen auf 15 Millionen geschätzt.

Man hat für diese Ameisenart auch beispielhaft errechnet, was Waldameisen so konsumieren. Ein durchschnittliches Nest umfasst 2,1 m² Grundfläche, 838 000 Arbeiterinnen und 1070 Königinnen. Rechnet man das mit der üblichen Nestdichte, die das Ökosystem erlaubt, auf einen Hektar hoch, so leben auf dieser Fläche etwa acht Millionen Ameisen. Diese müssen im Jahr etwa 3130 Liter Honigtau heranschleppen, die vier Fünftel des Nahrungsbedarfs darstellen. Der Rest des Bedarfs, vor allem Eiweiss, wird über erbeutete Insekten und Spinnen gedeckt sowie durch Überfälle auf andere Ameisenvölker.

Für ihre Zuckerversorgung hegen, pflegen und verteidigen die Ameisen gewisse Arten von Rindenläusen, die auch bei Imkern beliebt sind, da Bienen deren Honigtau zu Waldhonig verarbeiten. Im Frühling behelfen sich die Waldameisen damit, Birken anzuritzen, um an den süssen Saft zu gelangen. Im Herbst machen sie sich auch an Brombeeren und anderen Waldfrüchten zu schaffen. Da die Ameisen so stark auf den Honigtau angewiesen sind, brauchen sie Wälder, in denen verschiedene Lausarten vorkommen, da diese zu verschiedenen Zeiten im Jahr ihre grössten Bestände aufbauen. Ideal ist Mischwald aus Eiche, Fichte, Birke, Ahorn und Lärche. Auf ihnen kommen die Lausarten vor, die besonders stark von den Ameisen abhängig sind. Buchenwald ist für Waldameisen ungeeignet. Die geschlossenen Kronen sorgen für starke Beschattung, und es gibt kaum geeignete Rindenlausarten.

Wohngemeinschaft mit vielen Untermietern

Die Ameisen sind in ihrem Bau übrigens keineswegs allein. In den Nestern der Roten Waldameise beispielsweise hausen Mitbewohner aus bis zu 22 Arten, sogenannte Myr­mekophile. Diese sind mindestens für einen Teil ihres Lebenszyklus auf Ameisen angewiesen. Allgemein sind Ameisennester begehrte Lebensräume. Ohne Ameisen gäbe es zum Beispiel keine Bläulinge. Einige dieser Schmetterlingsarten verbringen ihre ersten Lebensstadien im stabilen Mikroklima des Ameisenhaufens. Um ins Nest zu gelangen, lassen sich Bläulingslarven der Gattung Maculinea von Ameisen «finden», ins Nest tragen, wo sie Geräusche der Ameisenkönigin nachahmen. Damit erreichen sie einen hohen Status innerhalb des Nests und werden von Arbeiterinnen gefüttert, so zum Beispiel die Arten Maculinea alcon und Maculinea rebeli. Andere wie Maculinea arion und Maculinea teleius ernähren sich von Ameisenbrut. Wieder andere Gäste bieten den Ameisen schmackhafte Drüsensekrete an. «Dies kommt beispielsweise bei einigen Käfern vor und erinnert an die Beziehung der Ameisen mit Blattläusen, die zuckerhaltige Ausscheidungen an sie abgeben», erzählt Brigitte Braschler.

All diese Mitbewohner profitieren vom stabilen Klima im Nest, das die Ameisen selbst regulieren. Das beginnt schon mit der Anlage des Baus. An sonnigen Standorten sind die Nester flach, damit sie sich nicht zu sehr aufheizen. An kühlen, schattigen Lagen sind sie höher. Daher lässt sich die Grösse eines Ameisenvolkes auch eher am Durchmesser des Nesthügels ablesen als an der Höhe der Nestkuppel. Die Sechsbeiner verstehen sich darauf, die Temperatur in ihrem Bau konstant bei den 22 bis 24 Grad Celsius zu halten, welche die Brut zur Entwicklung braucht. Bei Sonne legen die Ameisen grosse Öffnungen an, um das Nest zu durchlüften. Bei Regen oder Kälte werden diese geschlossen.

Die Königin residiert ganz unten

In den Tiefen des Nestes leben die Königinnen. Dort werden auch die Eier, die es kühl und feucht brauchen, von den Arbeiterinnen umsorgt. Mit fortschreitenden Entwicklungsstadien wird die Brut stockwerkweise nach oben transportiert. Ganz oben im Nest sind die Puppen, die es gern warm und trocken haben. Bei Störungen des Nestes werden die Puppen übrigens zuerst gerettet, da aus ihnen bald neue Arbeiterinnen und Soldatinnen schlüpfen. Im Winter zieht sich das ganze Volk in die frostsichere Tiefe des Nestes zurück. Es überwintert ohne Brut, da die Königin im Spätsommer das Eierlegen einstellt, damit sich die Brut bis zum Winter voll entwickelt hat.

«Ameisen verbleiben wie Pflanzen langfristig an einem Ort. Sie zeigen uns an, welche Bedingungen, beispielsweise punkto Feuchte oder Stickstoffgehalt, im Boden herrschen», erklärt Brigitte Braschler. «Wenn sich die Bedingungen, etwa durch Kahlschlag, stark verändern, schicken die Völker Ameisen aus, die einen neuen Standort für ihr Nest suchen sollen. Wurde ein solcher gefunden, ziehen die Ameisen um, und zwar mit Sack und Pack: Sie schleppen die Eier und Larven mit, und manchmal sogar Nestmaterial.»

Das Bild von der fleissigen Ameise stimmt trotzdem nur zum Teil. Viele machen es sich nämlich so bequem wie möglich. «In der Schweiz kommen viele sozialparasitisch lebende Ameisenarten vor. Diese Arten übernehmen einfach fertige Nester anderer Arten oder rauben deren Puppen, um sie zu fressen oder um die daraus geschlüpften Ameisen als Sklaven für sich arbeiten zu lassen. Bei den Waldameisen kapert häufig eine junge Königin ein Nest und übernimmt das Eierlegen anstelle der eigentlichen Königin. So leben im Nest nach einer Übergangsphase keine Sklavenameisen mehr, sondern nur noch Nachwuchs aus der eigenen Brut.» Dafür hat die Biologie den Begriff des temporären Sozialparasitismus geprägt.

Dazu gibt es verschiedene Strategien. Bei manchen Arten dringt, beispielsweise bei kühleren Temperaturen, wenn die darin lebenden Ameisen weniger aktiv sind, die fremde Königin in ein Nest ein. Sie gleicht  dann in aller Ruhe ihren Duft an. Manche Arten tun das schon zuvor, indem sie vor dem Eindringen eine Arbeiterin zerstückeln und sich damit einreiben. Anschliessend bringt sie die Arbeiterinnen dazu, die alte Königin zu töten, oder tötet sie gleich selbst. Die Wirtsarbeiterinnen hegen und pflegen die Eier der neuen Königin, bis deren Nachkommen schliesslich das Nest übernehmen.

Zur Sklavin geboren

Einigen Ameisenarten passiert das so oft, dass sie sogar entsprechend benannt sind. Formica fusca zum Beispiel trägt den deutschen Namen Grauschwarze Sklavenameise. Die Arten der Untergattung Serviformica, zu denen Formica fusca gehört, bauen ihre Nester immer selbst. Häufig wird es dann kurzerhand von anderen Arten übernommen, die sich damit die aufwendigen Bauarbeiten sparen. Die Arbeiterinnen von Formica fusca können bis zu acht Jahre alt werden, haben also ein langes Sklavenleben vor sich. Immer wieder werden ihre Nester auch von der Blutroten Raubameise und der in der Schweiz sehr selten und nur in warmen Regionen vorkommenden Amazonenameise Polyergus rufescens angegriffen, die ihre Puppen rauben. Diese werden grossteils gefressen, teilweise auch als Sklaven aufgezogen. Sie werden vor allem in der Brutpflege eingesetzt. Die Amazonenameise kann ohne Sklavenameisen gar nicht existieren, da sie keine normale Nahrung zu sich nehmen kann. Sie wird von ihren Sklaven mit einer hervorgewürgten Flüssignahrung gefüttert, da ihre wehrhafte Kieferform die Aufnahme normaler Nahrung gar nicht mehr zulässt.

Umso begabter ist diese Ameisenart im Raubrittertum. Bis zu 1500 Ameisen rücken gemeinsam aus, um ein von Kundschafterinnen aufgespürtes Nest zu plündern. Die Überfallenen kennen das schon, retten Teile der Brut auf Grashalme oder verstecken sie in der Nähe. Wer sich auf einen Kampf einlässt, wird durch Bisse in den Kopf effizient getötet. Die Eindringlinge rauben nur die Puppen und schleppen sie ins eigene Nest, wo sie dann von anderen Sklavenameisen aufgezogen werden. Die Amazonenameisen schwächen die Nester anderer jedoch nie zu sehr. Schliesslich wollen sie regelmässig zurückkommen, um sich frische Puppen
zu beschaffen.

Die Blutrote Raubameise Formica sanguinea wiederum ist im Grunde selbst auch Opfer. Sie gleicht mit den Puppenraubzügen den Schwund bei der eigenen Brut aus. In ihren Nestern lebt nämlich gern der Büschelkäfer. Er sondert ein Sekret ab, das für die Ameisen wie eine Art alkoholhaltige Droge wirkt. Diese finden die Ameisen so toll, dass sie bei Gefahr teilweise zuerst die Brut des Büschelkäfers in Sicherheit bringen, bevor sie sich um ihre eigene kümmern. Das Rauben scheint eine höchst erfolgreiche Strategie zu sein, ist doch die Blutrote Raubameise eine sehr weit verbreitete Formica-Art. Man findet sie von Iberien bis Japan und von Sizilien bis zum Nordkap. In den Alpen lebt sie bis auf 1850 Metern Höhe. Sie mag lichte Wälder oder Gehölzsaume, nur schattige dichte Wälder liegen ihr nicht. Hauptsache, es gibt eine der Arten in der Nähe, bei denen sie gern auf Raubzug geht, um sich Puppen zu besorgen. 600 bis 2000 Raubameisen greifen dann gemeinsam an, verspritzen Gift und attackieren so aggressiv, dass das Ameisenvolk in Panik gerät.

Grösse ist nicht alles

Es gibt zahlreiche Ameisenarten, die sich gegenseitig an Nester und Brut gehen, Diebs­ameisen sind so klein, dass sie in aller Ruhe bei den Waldameisen auf Beutezug gehen können. Werden sie entdeckt, flüchten sie durch winzige Öffnungen in ihr eigenes Gangsystem – die grossen Waldameisen müssen draussen bleiben. Ohne Ameisen aber würden Schädlinge und Aas leicht überhandnehmen. Für einen gesunden Wald sind Waldameisen unabdingbar.

Dies sind nur einige der wie immer vielen spannenden Geschichten in der neuen Ausgabe von WALD und HOLZ. Das Heft ist ab sofort erhältlich. Wald und Holz jetzt abonnieren

ähnliche News aus dem Wald