In einer Agroforst-Systemlandschaft wird zukunftsgerichtet Lebensmittel angebaut und die Biodiversität gefördert.Fotos: Sarah Sidler

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

«Wald und Landwirtschaft müssen wieder zusammenwachsen»

Eva Kollmann verfolgt auf ihrem Landgut Weitsicht das Ziel die Landwirtschaft wieder mehr mit dem Wald zu vernetzen. Ihre Feldgehölze, Wildfruchthecken, Hochstammbäume sowie verschiedenen Strukturelemente pflegt sie so elektrisch wie möglich.

Sarah Sidler | Seitdem Eva Kollmann das Landgut Weitsicht bei Beinwil im Freiamt (AG) 2010 gekauft hat, baut sie die 6,3 ha grosse Betriebsfläche kontinuierlich in eine Agroforst-Systemlandschaft um. Mit den regenerierten Hochstamm-Obstgärten, Amphibien- und Reptilienflächen, verschiedenen Hecken sowie markanten Einzelbäumen erhält ihr Land wieder die alten, traditionelle Freiämter Strukturen. «Wald und Landwirtschaft müssen wieder mehr zusammenwachsen», ist die gelernte Maschinenbauingenieurin und Landwirtin überzeugt.

Die 62-Jährige wuchs auf einem Familiengut mit Jagd und Fischerei im österreichischen Waldviertel auf. Dort wird die Landwirtschaft laut Eva Kollmann immer noch in Streifenlandschaft betrieben. «Das einzige Richtige. Denn eine funktionale Agrobiodiversität fördert die Resilienz, bietet verschiedene Schutzfunktionen und funktionelle Wassersysteme», sagt die Spezialistin für Risikosysteme. Sie spricht von naturbasierten Lösungen wie Schwammland, funktionaler Biodiversitätsförderung und zukunftsgerichtete Lebensmittelproduktion.   

So liegt es nahe, dass ihr Betrieb naturnahe Landwirtschaft, Hochstammobstgarten, artenreiche Wiesen und Hecken, Kleinstrukturen, Saumflächen sowie den Erwerbsanbau von Wildfrüchten umfasst. Er beinhaltet neben unzähligen Bäumen wie Edelkastanien, Föhren, Linden und Nussbäumen, acht Teiche, 1,1 Kilometer Heckenstrukturen und 2,3 Ha Wildfruchtkulturen. Lindenalleen, wilde Rosen und eine erhöhte Kornellpagode verschönern die Landschaft zusätzlich. Nächstens sollen zehn Lärchen dazukommen – klimaresistente Zukunftsbäume. Der naturnahe und ressourcenschonende Anbau von Wildfrüchten wie Kornellkirschen, wilden Pflaumen, Sanddorn, und Aronia ist der wichtigste Wirtschaftszweig des Landguts. «Diese Urfrüchte gehören zum Wald und fördern die Biodiversität enorm», sagt Eva Kollmann. Diese arbeitsintensiven Früchte dieser Sträucher sind aromatisch, weisen eine hohe Konzentration an Vitamin C auf und können in der Küche vielseitig eingesetzt werden. «Mein Ziel ist es, Wildfrüchte wieder bekannter zu machen und sie zu vermarkten.» Bereits bringt sie gemeinsam mit der Eis-Manufaktur «Kalte Lust» das Kornellkirschen-Sorbet raus, verkauft Kornellkirschentorten, Wildpflaumen- und Kornellkirschenkonfitüre – sowie, was die Köche aus den Rohprodukten herstellen. Eva Kollmann verkauft an einige der besten Köche der Schweiz. Diese machen etwa Chutneys und Kombucha daraus oder würzen ihre Gerichte mit den Geschmäckern von Wurzeln und Blättern aus den rar gewordenen, gesunden und geschmacklich spannenden Wildfrüchten.

Die Flächen zwischen den Bäumen, Hecken und Sträuchern beweiden saisonal Pro-Specie-Rara-Alpenschweine und dem Standort angepasste, art- und tiergerecht gehalten Rinder sowie Pferde und hitzetolerante Zebus. Ihr extensiver Einsatz, die verschiedenen Strukturen und einheimische Hecken bieten seltenen Insekten und Tierarten rar gewordener Lebensraum. So wurden bei einem Monitoring auf dem Landgut Weitsicht sechs Mal mehr Wiesel als auf Vergleichsflächen gezählt. Auch Feldhaseln hoppeln regelmässig über das Gelände. Rund 20 verschiedene Vogelarten bewohnen die strukturierte Landschaft, Habichtskäuze und Schleiereulen nutzen das Land als Jagdgebiet. «Vögel wie Turmfalken sind meine Co-Produzenten», sagt Eva Kollmann. Sie ist überzeugt von der Funktionalen Agrobiodiversität, also dass die zahlreichen Insekten auf ihrem Land für den Ausgleich zwischen Nützlingen und Schädlingen sorgen.

Strombetriebene Geräte

Um ihren Betrieb möglichst klimaneutral zu bewirtschaften, setzt Eva Kollmann auf strombetriebene Geräte. «Die Zukunft der Landwirtschaft ist elektrisch.» Hecken-, Feld- und Ufergehölze pflegt sie bereits mit elektrischen Geräten. Zudem mähen zwei autonome Roboter die Grasstreifen zwischen der Wildfruchtanlage. Für die Wiesen plant sie einen Einachser von Koeppl zu erstehen (siehe folgende Seite), welche sie während eines Testversuchs mit der Bauernzeitung ausprobierte. Elektrische Einachser sind leichter und somit bodenschonender als die Variante mit Verbrennungsmotoren. Zudem arbeiten sie leiser, ohne gesundheits- und klimaschädigende Abgase und erhitzen die Umgebung nicht.

Sonnenenergie nutzen

Auch um an fragmentiertes Zweigholz von ihren Gehölzen zu kommen, sucht sie einen Mitkäufer – etwa für den Prof 6 e-power von ELIET. «Es wäre toll, wenn solche Geräte geteilt werden könnten.» Fragmentiertes Zweigholz entsteht aus rund fünf Zentimeter dicken Ästen, die der Länge nach aufgespalten wurden. Dank ihrer
Struktur speichern sie als Heckenschnitzel das Wasser im Boden – effektiver als herkömmliche Holzschnitzel. Weiter sind auf dem Landgut Weitsicht trackergeführte Agri-PV-Anlagen über den Kornellkirschen-Plantagen geplant, um diese einerseits vor Unwettern zu schützen und andererseits, um umweltfreundlichen Strom zu produzieren, welche die Landwirtin und Ingenieurin wiederum für den Betrieb ihrer Gerätschaft und im Rahmen einer lokalen Energiegemeinschaft (LEG) fürs Dorf verwenden will.

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