Die Forstbaumschule auf 1600 Metern über Meer in S-chanf im Engadin (GR) will die Zukunft der Arve sichern.Bild: Alexandra von Ascheraden

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Die Königin der Alpen – und wie ihr Fortbestehen gefördert wird

Arven wachsen da, wo es andere Bäume nicht mehr schaffen. Die extrem zähen und langsam wachsenden Bäume haben es in unseren Wäldern trotzdem schwer. In S-chanf (GR) werden sie in einem Forstgarten nachgezüchtet, damit die königlichen Bäume eine Zukunft haben.

Alexandra von Ascheraden* | Ihr behagt es ganz oben. Am obersten Waldsaum des Gebirges. Dort, wo andere Baumarten kaum mehr überleben können, findet man die Arve. Sie trotzt Schneemassen und Temperaturen von minus 40 Grad und kommt mit den dortigen kurzen Sommern zurecht. Der Preis ist ihr langsames Wachstum. Dafür ist ihr unverwechselbar duftendes Holz leicht zu bearbeiten. Möbel und Täferungen aus Arvenholz waren und sind beliebt. Das hat dazu geführt, dass Nachschub mittlerweile schwierig wird. Das Holzen der mehrere hundert Jahre alten Stämme in grossen Höhen ist aufwendig und lohnt sich kaum. In tieferen Lagen sind die Stämme, die forstlich geerntet werden können, mittlerweile eher dünn. Einst schätzte man Arven nicht nur für die Innenausstattung, sondern auch für die Schindelherstellung. Die übernutzten Bestände werden Jahrhunderte zur Regeneration brauchen. Bei etwa einem Millimeter Dickenwachstum pro Jahr braucht es extrem lang, bis die Arve schlagreif ist.

Bei hochwertiger Verarbeitung sorgen dünne Stämme für viel Verschnitt. Mathias Rominger, Geschäftsführer der Rominger Holzmanufaktur in Pontresina (GR), erklärt: «Bei Arvenholz müssen wir zum Teil die Hälfte wegwerfen, wenn das Holz viel Splint enthält. Splint ist weicher und anfälliger für Schädlinge.» Auch optische Gründe spielen hinein: «Während die Arve etwas nachdunkelt, bleibt ihr Splint weiss. Grossflächige Täferung ähnelt nach einiger Zeit einem angenagelten Zebrafell.» Auch in der weiteren Verarbeitung fällt mehr Verschnitt an als bei allen anderen Holzarten. Die Arve ist sehr astlastig. «Schreiner müssen beim Verleimen darauf achten, dass die Äste im Brett so weit als möglich im Ganzen bleiben und nicht durchtrennt werden, da sie sonst herausfallen.»

Wenn die Arve erst einmal aufgekommen ist, ist sie ausserordentlich zäh, schlägt selbst nach Blitzschlägen wieder aus und kann 1000 Jahre alt werden. Das allerdings gern mit Rotfäule im Inneren, welche die genaue Altersbestimmung unmöglich macht.

Zertifizierte Samenbestände

«Was ich heute pflanze, kann frühestens in 200 Jahren geerntet werden», sagt Forstwart Nils Wohlwend. Er sitzt auf der sonnigen Terrasse vor der Hütte des Forstgartens in S-chanf und lässt den Blick über die Baumreihen schweifen. Der Bündner Forstdienst ist daran, die Bestände für künftige Generationen zu regenerieren. Der kantonale Forstgarten des Amts für Wald und Naturgefahren produziert auf 1600 Metern Bäume für die Höhenlagen in Graubünden. Die Samen stammen aus eigens definierten Samenbaumbeständen in hoch gelegenen Wäldern der Region, sodass die Bäume bestmöglich an die ökologischen Bedingungen angepasst sind. Wohlwend erklärt: «Bei der Aufzucht in Forstgärten weiss man genau, woher das Saatgut stammt. Bei Verpflanzungen in andere ökologische Verhältnisse, etwa aus dem Tiefland ins Hochgebirge, sind die Rückschläge üblicherweise gross. Frostschäden, Kümmerwuchs oder frühzeitiges Absterben sind die Folge.»

Der Kanton zertifiziert die Samenernte­bestände daher auch nach Höhenlage und Exposition. Was Nils Wohlwend und seine Kollegen dort machen, ist eine Investition in die Zukunft. Und nachhelfen muss der Forstdienst. Der Tannenhäher hat über Jahrhunderte einen guten Job gemacht und nur Arvennüsschen bester Qualität in seinen Hunderten von Winterverstecken vergraben und zuverlässig einen Teil davon vergessen, sodass diese auskeimen können. Arvensamen schlechter Qualität sortiert der clevere Vogel aus und bringt sie gar nicht erst in den Boden. Er wurde lange zu Unrecht gejagt, da man glaubte, seine Gefrässigkeit trage am Verschwinden der Arven Mitschuld. Weit gefehlt. Die nicht flugfähigen, schweren Samen kämen ohne den Häher nicht weit. Bis zu 100 Samen transportiert er in seinem Kehlsack bis zu 15 Kilometer weit, um sie portionsweise in der Streuschicht zu vergraben. Häufig sind die aus Häherverstecken aufkommenden Arven mehrstämmig. Aus den bis zu zehn Nüsschen, die er zusammen vergräbt, kommen gern mehrere Bäume auf, die aufgrund der Enge später zusammenwachsen. Es dauert 60 Jahre, bis eine Arve erstmals Zapfen bildet. Auch der Vermehrungszyklus läuft in ganz anderen zeitlichen Dimensionen. Der Mensch hat über Jahrhunderte viel mehr geerntet, als der Häher unfreiwillig nachpflanzen konnte. Die Veränderung, die der Klimawandel mit sich bringt, wird für die Arve schwierig. Nils Wohlwend erklärt beim Rundgang durch den Forstgarten: «Sie wird ohne unser Eingreifen mit hoher Wahrscheinlichkeit verdrängt. Von unten kommen die Fichten nach, da sie jetzt in höheren Lagen überleben.» In grösseren Höhen ist der Platz für die Arven wiederum beschränkt, und das Aufwachsen der Verjüngung dauert Jahrzehnte. «Die rauen, natürlichen Bedingungen und die Alpwirtschaft bremsen die Ausbreitung nach oben. Somit wird menschliches Nachhelfen bei der Arve künftig umso wichtiger.»

Der Forstgarten in S-chanf war ab 2010 versuchsweise verpachtet worden. Der Pächter unterhielt die Infrastruktur weiterhin, stellte aber die Pflanzenproduktion weitgehend ein. Mitarbeitende des Forstgartens Rodels (GR) stachen jedoch in den nötigen Abständen die grossen Arven aus und hielten sie so verpflanzungsfähig. Seit Frühling 2023 wird der Betrieb in S-chanf wieder durch den kantonalen Forstgarten mit Hauptstandort in Rodels geführt. Um künftig wieder eine effiziente Produktion und Weiterverschulung zu ermöglichen, wurden durch Betriebsleiter Francesco Bonavia die nötigen Arbeiten initiiert.

Verwachsenes und nicht mehr Verkaufsfähiges wurde gerodet, neue Pflanzflächen wurden angelegt. Nun betreibt Nils Wohlwend diesen Forstgarten zusammen mit weiteren Mitarbeitenden aus Rodels. Er hat eine 40-Prozent-Stelle mit Jahresarbeitszeit. «Man ist sich mittlerweile wieder bewusst, dass dieser Forstgarten aufgrund seiner Höhenlage eine besondere Relevanz hat. Wir beliefern von hier das Engadin und die Südtäler.», Ausserdem könne so vegetationsangepasst geliefert werden. Eine Arve, die bei den Kollegen in Rodels auf 630 m. ü. M bestellt werde, habe schon Frühling, wenn in S-chanf noch Winter sei. Dazu komme, dass hier oben die Mykorrhiza-Pilze für die Arve gegeben seien. «Die Symbiose funktioniert einfach besser.» Daher lasse sich die Arve in S-chanf besser aufziehen als im tiefer gelegenen Rodels. «Unsere Bäume sind kleiner als die aus herkömmlichen Baumschulen, da wir nicht extra düngen. Wir produzieren so biologisch wie möglich. So brauchen sie länger, sind aber deutlich stabiler.» Schnelles Geld ist mit der Arve sowieso nicht zu machen. Bis sich ein Samen zum verkaufsfähigen Setzling entwickelt hat, dauert es vier bis fünf Jahre. Zum Vergleich: Beim Bergahorn geht es nur ein Jahr. Derzeit macht Nils Wohlwend auf dem Gelände erste Versuche mit Quick Pots, da sich diese für die Auspflanzung im Wald immer mehr durchsetzen. Bei Nacktwurzlern waren die Verluste oft immens, da sie vertrockneten, bevor sie in die Erde kamen. Man kann mit Auspflanzen länger warten, und die Pflanzen haben eine Starthilfe, wenn sie mit Feuchtigkeit und Spezialerde in den Boden kommen. «Im Moment testen wir noch, wie wir die Bestände am besten über den Winter bringen.» Noch werden die Quick Pots in Rodels verpflanzt, in S-chanf oben wird dann weitergearbeitet. Um die Produktion in grös­serem Massstab angehen zu können, wird jedoch erst ein eigens dafür eingerichteter Platz und eine geeignete Bewässerungs­infrastruktur benötigt.

Charakterbäume im Gartencenter

Während es beim Forstgarten darum geht, den Nachwuchs im Wald zu sichern, verfolgt man im Gartencenter Schutz Filisur (GR) das Ziel, möglichst grosse und schön gewachsene Arven als Einzelbäume für Privatgärten zu produzieren – bereits seit drei Generationen. Im Schnitt werden dort 5000 Arven pro Jahr getopft. Der Grossteil der kleinen Pflanzen geht in den Online-Verkauf, die grösseren in Gartenprojekte. «In den Forst verkaufen wir lediglich im Wallis, weil dort die Walliser Herkunft wichtig ist», erzählt Geschäftsführer Markus Schutz beim Rundgang durch das grosszügige Gelände. Er hat sich auf die Produktion alpiner Pflanzen spezialisiert, allen voran Arven, Föhren und Alpenrosen. Im Privatgartenbereich sind die Ansprüche völlig andere als im Forst. «Früher mussten Arven gerade wie Christbäume sein. Heute haben die Leute plötzlich Freude an Charakterbäumen.» Sonderformen sind mehr und mehr gefragt. Arven dürfen nun buschig sein oder gleich zwei- oder dreistämmig. «Für uns bedeutet das mehr Arbeit. Wir müssen Knospen ausbrechen, schneiden und mehr in die Pflege investieren.»  Im Trend liegen auch blaue Arten, weil sie so selten sind. «Wir pfropfen auf normale Arven auf. Zum Teil wird
diese Arbeit aber auch an Spezialisten vergeben. So können wir die Nachfrage decken.» Aus 5000 bis 10 000 Sämlingen wird nur eine Arve blau, und diese Farbnuance zeigt
sich erst nach fünf Jahren. Werden Samen von blauen verwendet, sind es geringfügig mehr. Aufpfropfen sei der einzig wirtschaftliche Weg. Blaue Arven wachsen zwar
wesentlich schneller, sind dafür nicht so dicht. «Lichte Arven sind wiederum
unbeliebt. So müssen wir viel schneiden, und der Arbeitsaufwand schlägt sich im Preis nieder.»

Das Gartencenter liegt auf 1000 Metern Höhe, die Baumschule auf 1800 Metern. Letztere hat einen besonderen Hintergrund: «Mein Grossvater konnte diese Alm erstehen, auf der 1952 der Heidi-Film gedreht wurde. Er wollte dort eine Arven-Baumschule eröffnen, da man nirgends grössere Arven kaufen konnte», sagt Markus Schutz. Schliesslich zog er selbst welche und machte eine Baumschule daraus. «Viele hat er Stück für Stück verkauft. Die ganz grossen aber durfte niemand anrühren.» Er habe immer gesagt, dass die Leute irgendwann sehr grosse Bäume wollen. Und diese bekämen sie dann von ihm. Grossvater Schutz wurde 95 Jahre alt. Erst ganz am Schluss verkaufte er auch die ganz grossen Arven. Viele davon gingen nach Andermatt (UR) zu Samih Sawiris.

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