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Die Formsprache der Mutter in der eigenen Handschrift weiterführen

Es ist der Traum vieler Eltern – bei der Drechslerin Iris Dressler wurde er wahr: Tochter Marion Johanna Kissling wird ihre Werkstatt in Marthalen (ZH) weiterführen. Bis es so weit ist, arbeiten die 66- und die 35-Jährige in derselben Werkstatt. Dies bedarf guter Planung.

Sarah Sidler | Die Eingangstür zur Drechslerei liegt leicht zurückversetzt von der Hauptstrasse in Marthalen (ZH). Eine mit Kreide beschriftete Tür weist den Weg in die Werkstatt im ersten Stock. Maschinen sind zu hören. Beim Eintreten heben zwei Frauen ihre Köpfe und lassen ihre Arbeit ruhen. Der Raum ist gefüllt mit Drehbänken, Sägemaschinen, Werkzeugen und Entwürfen. Es riecht nach Holz, feine Staubpartikel wirbeln durch die Luft in der kleinen, aber hellen Werkstatt.

Iris Dressler bearbeitet mit ihrer Tochter Marion Kissling Aufträge. Die 66-Jährige hat ihre inzwischen 35-jährige Tochter bis 2024 während vier Jahren zur Drechslerin ausgebildet. Nun arbeiten beide als Selbstständige in der gut ausgerüsteten Werkstatt der Mutter. «Ich bin glücklich und froh, dass ich meine Drechslerei langsam, aber sicher in die Hände meiner Tochter übergeben darf. Die letzten Jahre waren sehr streng», sagt Iris Dressler. Einerseits wurden die Aufträge immer zahlreicher, andererseits braucht man auch immer viel Zeit für die Lernenden. «Da ich nun weiss, dass ich meine Werkstatt in gute Hände abgeben kann, fällt es mir leichter loszulassen.» Nun arbeite sie noch rund 50 % und könne sich vermehrt ihrer Herzensangelegenheit – der Kunst – widmen. In der Kunst verbindet sie das Drechslern mit Bildhauen und Schnitzen. Iris Dressler stellt regelmässig im In- und Ausland aus. Eines ihrer eindrücklichsten Werke aus 7000-jährigem Eichenholz ziert den Eingang des neuen Sativa-Gebäudes in Rheinau (ZH). Ausserdem hat sie zwölf stark vergrösserte Samen aus diesem alten Holz hergestellt, die im Sativa-Gebäude ausgestellt werden. Iris Dressler hat ihre Drechslerei als Alleinerziehende von drei Töchtern aufgebaut und sich einen Ruf als vielseitige Handwerkerin erarbeitet. Massenware wie Treppengeländer, Tischbeine und Möbelfüsse fertigt sie nur selten an. «Ich erhalte viele individuelle Aufträge, bei denen ich und nun auch Marion gestalterisch mitwirken dürfen.»

Genau dieses Bild der selbständigen, starken Frau, die sich selbst verwirklicht, mag Marion Kissling. «Es hat mich von Kind auf beeindruckt und war mitverantwortlich, dass ich mich mit 29 Jahren dazu entschlossen habe, die Ausbildung zur Drechslerin bei meiner Mutter zu absolvieren.» Sie könne viel von ihrer Erfahrung profitieren. Beispielsweise sehe ihre Mutter oft auf den ersten Blick, wie man einzelne Holzstücke zuschneide, damit diese nicht reissen oder sich später verformen. Zudem falle es Iris Dressler leicht, den Aufwand der einzelnen Arbeiten einzuschätzen.

Viel Gewicht auf Holzkunde

Die Theorie erlernte Marion Kissling an der «Schnätzi», der Fachschule für gestalterische Holzberufe in Brienz (BE). Fünf Personen absolvierten in ihrem Lehrgang die Ausbildung zur Holzhandwerkerin EFZ Drechslerei. «Ein Schwerpunkt lag in der Holzkunde», sagt sie. Zu Recht. Denn die richtige Holzwahl ist elementar für qualitativ hochwertige Produkte. Soll das Holz wetterbeständig sein, sind Douglasie, Lärche oder Eiche die richtige Wahl. Das feinfasrige Holz von Birne und Ahorn wird eingesetzt für Gegenstände, welche kein Wasser aufsaugen sollen – Schüsseln etwa. Was viele nicht wissen: Hölzer wirken desinfizierend und sind deshalb hygienischer als Plastik.

Iris Dressler schwärmt der Farbe wegen für Zwetschgenholz. Tochter Marion hingegen mag das Holz von Apfel- oder Birnenbäumen: «Mir gefallen die Dichte dieses einheimischen Holzes und die verschiedenen Farbtöne.» Den Rohstoff für ihre Werke beziehen die beiden Frauen von der Sägerei Keller in Unterstammheim (ZH) oder von Hanhartholz in Diessenhofen (TG). Es sei ihnen wichtig, mit Schweizer Holz zu arbeiten. Fällen Förster, Bauern oder Private in der Nähe spezielle Bäume, bieten sie diese den Drechslerinnen oft gratis an. Durch einen Baumpfleger kommen sie zwischendurch an aussergewöhnliches Holz wie solches von Perücken- oder Zypressenbäumen.

Um die Verwandlung von einem Stück Holz in eine Schale zu veranschaulichen, holt Iris Dressler aus ihrem Holzlager ein Stück Apfelholz. Erst sägt sie daraus eine grobe Rundung. Dann spannt sie das Holzstück in eine Drehbank. «Für eine Schale drechsle ich quer.» Beim Querholzdrechseln wird das Werkstück nur von einer Seite auf ein Schrauben- oder Backenfutter gespannt. Während die Bank 3000 Umdrehungen pro Minute hinlegt, schält sie mit verschiedenen Werkzeugen konzentriert Schicht für Schicht Holz ab. Die grosse Maschine surrt, Späne fliegen, das Stück Apfelholz verändert sich. Damit der Hebelarm klein ist, muss die Hand nahe am Holz liegen. «Fürs Drechseln braucht man neben Kraft ein gutes Vorstellungsvermögen. Fingerspitzengefühl hilft, herauszuspüren, wo mehr oder weniger Druck benötigt wird.» Langsam nimmt die Schale Form an, die verschiedenen Maserierungen des Apfelholzes zeigen sich. Für den Feinschliff verwendet die Handwerkerin ausgewähltes Schleifpapier. Um die Schale haltbar zu machen, reibt sie dieses mit Bio-Öl ein. «Es fasziniert mich einfach immer wieder ungemein, wie an der Drehbank aus einem Stück Holz Gegenstände entstehen», sagt Iris Dressler. Ihre Faszination gibt sie seit Jahrzehnten an Kursen weiter. Die meisten leitet nun ihre Tochter. Diese sind sehr beliebt: «Obwohl wir knapp 40 Kurse pro Jahr anbieten, können wir immer wieder zusätzliche dazwischenschieben», berichtet Marion Johanna Kissling. Für einen Einführungskurs Langholz hätten sich 32 Personen angemeldet, doch es stehen nur fünf Drehbänke zur Verfügung. In kleinen Gruppen, individuell betreut, haben Interessierte die Möglichkeit, verschiedene hölzerne Gegenstände wie Kugeln, Intarsien, Hängelichter oder Dosen selbst zu drechseln. Auch Schärfkurse sind im Angebot, um stumpf gewordene Werkzeuge wieder auf Vordermann zu bringen. Im Sommerferienkurs kann fünf Tage lang in die Welt des Drechselns eingetaucht werden. Kursteilnehmende haben zudem die Möglichkeit, an den Drehbänken der beiden Frauen zu üben. Marion Kissling ist Mutter zweier Kinder und arbeitet rund 70 % im Beruf. Kleinere Drechslerarbeiten führt sie zu Hause in Grüningen (ZH) aus. Die benötigte Drehbank dazu hat sie auf Initiative ihrer Mutter zu ihrem 30. Geburtstag von Freunden und Verwandten geschenkt bekommen.

In der Zwischenzeit hat sich die 35-Jährige über ihren Instagram-Kanal drechslerin_marionjohanna an Märkten und über Mund-zu-Mundpropaganda einen eigenen Kundenstamm aufgebaut. Sie freut sich, dass ihre Eigenkreationen wie Honigtöpfe, Etagères und Seifenuntersätze guten Absatz finden. Wie ihre Mutter ist auch Marion Kissling fasziniert vom Handwerk: «Es kommt immer wieder etwas Neues. Drechseln ist ein spannender Beruf, besonders wenn man seine persönliche Handschrift miteinbringen darf.» Noch arbeite sie in der Formsprache ihrer Mutter. «Wer weiss, in welche Richtung ich gehen werde. Sicher jedoch werde ich im Büro einiges digitalisieren», sagt sie. Es werden wohl noch einige Jahre zwei Generationen in der Drechslerei in Marthalen arbeiten. Damit sich Mutter und Tochter an den Maschinen nicht in die Quere kommen, ist eine gute Absprache unabdingbar. «Wir müssen den Workflow der anderen genau kennen und Rücksicht nehmen.» Dies funktioniere jedoch gut, wie beide beteuern. Und Iris Dressler fügt sichtlich zufrieden an: «Wir sind stolz aufeinander.»

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