Im Arboretum auf dem Rastplatz Reconvilier ist jede Baum- und Strauchart fein säuberlich ausgezeichnet.Bilder: Ralph Möll

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Naherholung im Freiluftforstlabor auf dem Autobahnrastplatz

Als Kompensationsmassnahme wurde der Rastplatz Reconvilier (BE) an der Autobahn A16 als Arboretum konzipiert. Auf 8700 Quadratmetern liess Forstingenieur Bruno Holenstein hier sämtliche heimischen Bäume und Sträucher pflanzen – über 100 an der Zahl.

Ralph Möll | Die Autobahn A16, die Biel (BE) mit Boncourt (JU) verbindet und deshalb auch Transjurane genannt wird, verläuft aus dem Schweizer Mittelland quer durch den Jura bis nach Frankreich. Ihr letztes Teilstück zwischen den beiden Berner Gemeinden Loveresse und Court wurde 2017 dem Verkehr übergeben, 33 Jahre, nachdem der Bundesrat 1984 die A16 nachträglich ins Nationalstrassennetz aufgenommen hatte.

Kurz vor – oder je nach Fahrtrichtung nach – dieser letzten Etappe befindet sich der Rastplatz Reconvilier. Nun ist ein Rastplatz an einer Autobahn allein nicht eben aussergewöhnlich zu nennen, obwohl jener in Reconvilier durchaus gefällig gestaltet worden ist. Ein hoher, mit Bäumen gesäumter Wall fungiert als Lärmschutz, sodass auf dem Rastplatz von der Autobahn kaum etwas zu hören ist. Doch der Rastplatz in Reconvilier ist nicht nur geräuscharm, sondern er wartet auch mit einer interessanten Besonderheit auf: Er verfügt nämlich über ein Arboretum, das sämtliche einheimischen Baum- und Straucharten umfasst. Insgesamt 39 Bäume und 65 Sträucher wurden, zusätzlich zur «normalen» Begrünung, auf dem Rastplatz gepflanzt. Jede Art ist angeschrieben, und zwar auf Latein, Französisch und Deutsch. Auf dem Gelände stehen ausserdem mehrere gedeckte Informationstafeln, die über das Projekt und seine Bedeutung Auskunft geben.

Eine einzigartige Einrichtung

«Vater» des Arboretums ist Bruno Holenstein. Als der Bundesrat 2002 den Bau des Teilstücks von Tavannes (BE) nach Court genehmigte, schlug der Berner Forstingenieur die Einrichtung des Arboretums auf dem 8700 Quadratmeter grossen Areal als eine Rodungsersatzmassnahme, wie sie für Infrastrukturprojekte obligatorisch sind, vor – und stiess damit auf offene Ohren. 2012 wurden der Autobahnabschnitt Tavannes–Loveresse und der Rastplatz in Betrieb genommen. Und bis heute sei Reconvilier der einzige Autobahnrastplatz, der über ein eigenes Arboretum verfüge, sagt Bruno Holenstein stolz.

Für den Wall wurde Aushub vom Autobahnbau aufgeschüttet und mit einer dicken Schicht Humus bedeckt. «Nicht alle Bäume und Sträucher kommen mit diesem Untergrund gleich gut zurecht. Das zeigt sich auch darin, dass nicht alle Arten gleich schnell wachsen», erklärt Bruno Holenstein. Besonders gut zu gefallen scheint es einer Europäischen Lärche (Larix decidua) an ihrem Standort. Als diese 2012 gepflanzt worden war, mass sie rund zwei Meter. Heute ist sie gut sechsmal so hoch.

Bei der Anordnung der Pflanzen schaute Bruno Holenstein einerseits darauf, welche Arten es auch in freier Wildbahn gut miteinander können. Andererseits berücksichtigte er auch topografische und klimatologische Gegebenheiten bei der Gruppierung. So stehen die Nadelgehölze geschlossen am südwestlichen Ende des Geländes. Zieht man die oben erwähnte Lärche als Beispiel heran, war das eine sehr gute Entscheidung. Am anderen Ende, Richtung Loveresse, stehen drei Eichen. «Die haben wir bewusst dort gepflanzt, weil diese Stelle stark wind­exponiert ist. Und Eichen mögen Wind.» Lange sei allerdings nicht sicher gewesen, ob es die drei Bäume schaffen würden: «Ihr Laub war zuerst sehr hell, was normalerweise kein gutes Zeichen ist.» Aber heute haben sich die Eichen an die Verhältnisse akklimatisiert, und ihr Laub erstrahlt in einem satten, dunklen Grün.

Der Rastplatz hat sich zu einem veritablen Naherholungsgebiet entwickelt. Es gibt sogar einen Zugang für Fussgänger zum Rastplatz. Vom Bahnhof Reconvilier führt eine markierte Route zum Arboretum, eine zweite entlang der Birs zwischen Tavannes und Reconvilier. Ein Fussgängerzugang zu einem Autobahnrastplatz ist nicht alltäglich und kommt in der Schweiz sonst kaum vor. Aber Bruno Holenstein fand es wichtig, dass die Menschen aus der Umgebung nicht lange Umwege mit dem Auto fahren müssen, um zum Arboretum zu gelangen. Deshalb setzte sich der Forstingenieur bei den zuständigen Stellen für einen Fussgängerzugang zum Rastplatz ein. Mit Erfolg. Heute nutzen viele Menschen aus der nahen Umgebung den Rastplatz und den begehbaren Wall für einen Spaziergang. Auch Hundehalterinnen und -halter drehen gerne eine Runde mit ihren Vierbeinern. Etwaige Hinterlassenschaften Letzterer können vor Ort in einem Robidog entsorgt werden.

Dem Autobahnbau mussten damals auch alte Trockensteinmauern weichen. Der Grossteil davon wurde im Vallée de Tavannes wieder aufgebaut, wo auch Wytweiden als Rodungsersatz eingerichtet wurden. Eine der wiederaufgebauten Mauern ist vom Rastplatzwall aus gut auf der anderen Seite der Autobahn zu erkennen. Zwei Teilstücke von Trockenmauern wurden sogar in den Rastplatz integriert. Sie wurden auf dem Wall wieder aufgebaut und dienen als Podium für zwei Platten mit geografischen Angaben zur Umgebung.

Spannende Entwicklung

In Reconvilier gibt es auch Arten zu sehen, die nur in den Alpen oder in der Südschweiz natürlicherweise vorkommen wie zum Beispiel die Arve oder die Edelkastanie. Dass sich diese Arten im Arboretum so gut halten, freut Bruno Holenstein besonders. Vor einigen Jahren unterrichtete der Forstingenieur noch am Bildungszentrum Wald in Lyss (BE) und unternahm mit seinen Studentinnen und Studenten immer wieder Exkursionen ins Arboretum. «Es war jeweils spannend, zu sehen, wie die Pflanzen hier zurechtkommen.» Denn sowohl die Umgebung als auch der Untergrund seien hier halt für alle Pflanzen gleich, während sie in der Umgebung, in welcher sie natürlicherweise vorkommen, bisweilen andere, meist bessere Voraussetzungen hätten, erklärt der Forstingenieur. So kam dem Arboretum wie nebenbei auch die Funktion als eine Art Freiluftlabor zu.

Es bedurfte langer Vorbereitungen, damit 2012 zur Inbetriebnahme des Rastplatzes alle Arten in pflanzfähigem Stadium vorhanden waren. «Die ersten Pflanzen bestellte ich etwa zehn Jahre zuvor.» Sämtliche Arten bezog Bruno Holenstein beim Forstgarten Lobsigen (BE), einem Nebenbetrieb des Staatsforstbetriebs Bern.

Um den Unterhalt des Rastplatzes kümmern sich ein Unternehmen, das sowohl über Erfahrung in der Forstwirtschaft als auch in der Landschaftsgärtnerei verfügt, sowie der Unterhaltsdienst der Nationalstrassen. Letzterer pflegt den «normalen» Teil der Anlage. Er mäht beispielsweise das Gras beim Spielplatz und bei den Picknicktischen. Das Arboretum hingegen wird vom eigens dafür engagierten Unternehmen betreut. «Dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen genau, was die Pflanzen brauchen. Und sie wissen auch, wann welche Blumenwiese gemäht werden muss.» Auch diese Wiesen sind Teil des Arboretums. Damit sich die Pflanzen darauf entwickeln können, wird nicht jedes Jahr die gesamte Fläche gemäht, sondern etappenweise. Das Heu wird nicht kompostiert, sondern den Tieren eines ansässigen Landwirts verfüttert.

Der Biodiversität wird nicht nur auf den Wiesen, sondern auch im Zentrum des Rastplatzes Raum gegeben. Hier befindet sich ein ausgedehntes Biotop, das jeweils im Herbst gemäht wird. Ausserdem wurden auf dem Gelände Totholzinseln sowie ein Wildbienenhotel eingerichtet.

Wirklich ein Rastplatz für alle

Die grosse Verbundenheit Bruno Holensteins mit diesem Projekt und sein Hang, auch kleinste Details zu berücksichtigen, zeigt exemplarisch die Sache mit den Namensschildern der Pflanzen: Vor jedem Baum und jedem Strauch steht eine Metallstele mit einer im 45-Grad-Winkel angebrachten Plakette, die das Gewächs dahinter benennt. Weil sich an der oberen Kante dieser Plakette gerne Vögel niederliessen, um zu rasten und um anschliessend der Natur freien Lauf zu lassen, mussten die Plaketten regelmässig gesäubert werden. Das veranlasste den Forstingenieur dazu, sie mit einem Dach versehen zu lassen. «So können die Vögel immer noch auf den Kanten stehen, ohne die Plaketten zu beschmutzen», sagt Bruno Holenstein, der für Interessierte auch Führungen durch das Arboretum auf dem Rastplatz Reconvilier anbietet.

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