Oft vernachlässigen Laien bei forstlichen Arbeiten ihre Sicherheit, zum Beispiel bei der persönlichen Schutzausrüstung.Bild: pixabay

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

«Sicherheit bei der Arbeit ist niemals selbstverständlich»

2025 verzeichnete die Schweizer Landwirtschaft die tiefste Zahl an tödlichen Unfällen seit 30 Jahren – ausser bei forstlichen Arbeiten, bei denen die Tendenz umgekehrt ist. Arbeits­sicherheit und Prävention bleiben auch ausserhalb der Forstwirtschaft wichtige Themen.

Michael Clottu | Laut Suva verzeichnet der Primärsektor 130,4 Arbeitsunfälle pro 1000 Versicherte, gegenüber 85,8 im Sekundärsektor und 50,2 im Tertiärsektor. Da nicht alle Akteure in der Landwirtschaft bei der Suva versichert sind, ist die Zahl der Unfälle im Primärsektor wahrscheinlich noch höher. Jedes Jahr verzeichnet die Suva «rund 1700 Arbeitsunfälle in Schweizer Forstbetrieben». Das Unfallrisiko liegt hier deutlich über dem Durchschnitt der versicherten Unternehmen, und «fast jeder zweite Auszubildende erleidet während seiner Ausbildung in einem Forstbetrieb einen Unfall». Oft handelt es sich um schwere, bisweilen sogar tödliche Unfälle. Prävention ist daher im Primärsektor von besonderer Bedeutung. Insbesondere die Forstwirtschaft gehört zu den Tätigkeiten mit dem höchsten Unfallrisiko.

Hohes Unfallrisiko im Wald

Forstbetriebe unterliegen der obligatorischen Mitgliedschaft bei der Suva (Art. 66 Abs. 1 Bst. d UVG). Bestimmte landwirtschaftliche Familienbetriebe, die mit ihren eigenen Arbeitskräften forstwirtschaftliche Arbeiten ausführen, unterliegen hingegen nicht unbedingt dieser Versicherungspflicht und können sich bei einem anderen anerkannten Versicherer versichern. Sie unterliegen jedoch auch den Vorschriften zur Prävention und Arbeitssicherheit, die im Waldgesetz und in der dazugehörigen Verordnung festgelegt sind. Wenn ein Landwirt, wie viele private Waldbesitzer, seinen Wald nur für den Eigenbedarf bewirtschaftet, ist er aber von jeglicher Ausbildungspflicht befreit. In einem Umfeld, in dem viele Landwirte bereits über einen steigenden Verwaltungsaufwand klagen, kann die Idee einer zusätzlichen Ausbildung auf Vorbehalte stossen, insbesondere wenn sie als unnötig oder überflüssig empfunden wird. Diese Situation betrifft jedoch auch landwirtschaftliche Betriebe, die Forstarbeiten durchführen, da auch sie ein hohes Risiko für Arbeitsunfälle aufweisen.

Im Jahr 2025 verzeichnete die Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) die niedrigste Zahl an Unfalltoten seit mindestens 30 Jahren. Den verfügbaren Daten zufolge kamen im Berichtsjahr 22 Menschen bei einem Arbeitsunfall in der Landwirtschaft ums Leben. Fünf dieser Todesfälle ereigneten sich jedoch bei Forstarbeiten, eine Zahl, die leicht über dem Jahresdurchschnitt der letzten Jahre (4,4 Fälle) liegt. Der Rückgang ist insgesamt zwar zu begrüssen, doch scheinen die Forstarbeiten nicht von derselben positiven Entwicklung zu profitieren. Die Meldungen über schwere, tödliche oder nicht tödliche Waldunfälle im Jahr 2025 lassen in den meisten Fällen auf Verstösse gegen Sicherheitsmassnahmen schliessen: Nichtbeachtung der Fallzonen, Alleinarbeit, unvollständige persönliche Schutzausrüstung. In den meisten Fällen scheinen technische Mängel nicht die Unfallursache zu sein.

Stéphane Seuret, Mitglied der Geschäftsleitung der BUL und Leiter der Region Westschweiz sowie des Bereichs Forstwirtschaft, bestätigt diese Vermutungen: «Schätzungsweise nur fünf bis zehn Prozent der schweren Unfälle in der Landwirtschaft sind auf technische Mängel zurückzuführen. Bei den restlichen neunzig Prozent ist der entscheidende Faktor der Mensch. Eine falsche Entscheidung, die zu einer fatalen Kettenreaktion führt.»

Einige Sekunden, in denen sich alles ändert

Laut dem Spezialisten für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz ist die überproportionale Vertretung der Forstwirtschaft in den Statistiken nichts Neues. Auch wenn die absolute Zahl der Fälle gering ist und kein eigentliches Schema abgeleitet werden kann, zeichnet sich doch eine Tendenz ab: Die Opfer schwerer Arbeitsunfälle in der Landwirtschaft sind oft Menschen über 55 Jahre, die ihr ganzes Leben lang auf die gleiche Weise gearbeitet haben und wenig oder gar keine Ausbildung haben. Ist dieses Phänomen auf eine altersbedingte Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit zurückzuführen? Stéphane Seuret geht von einer anderen Ursache aus: «Diese Menschen verfügen über viel Erfahrung und damit Routine. Aber Routine verträgt sich nicht gut mit der für die Sicherheit erforderlichen Aufmerksamkeit.» Der ehemalige Forstausbilder weiss, wovon er spricht. «Etwas überspitzt formuliert, bewerteten die Lernenden im Praxisunterricht im Wald in der Regel den ersten Baum sehr genau, und sie überprüften vor dem Fällen alle Faktoren. Beim zweiten Baum begnügten sie sich mit der Hälfte, und beim dritten Baum reichte manchmal schon ein kurzer Blick. Dieses Phänomen ist bei ausgebildeten Fachleuten noch ausgeprägter. Aber Bäume sind wie Menschen. Keiner ist wie der andere.»

In der privaten Landwirtschaft bleibt die allein ausgeführte Forstarbeit ein grosses Risiko. «Wie soll man einen Fallbereich überwachen, wenn man allein ist? Die Menschen gehen Risiken für sich selbst, aber auch für andere ein», sagt Stéphane Seuret und verweist auf einen Vorfall, der Spaziergänger in einem Nachbarland das Leben gekostet hat.

Ein zunehmend gefährliches Terrain

Die Statistiken der BUL sprechen für sich: Die meisten tödlichen Unfälle im Wald ereignen sich beim Fällen. «Es ist verrückt, denn es dauert nur wenige Sekunden, aber genau dann entscheidet sich alles. Die Arbeitsbedingungen im Wald werden immer gefährlicher. Durch die wiederholten Dürren gibt es immer mehr trockene Bäume. Ein trockener Baum oder ein trockener Teil eines Baumes ist eine Katastrophe: Er bricht ohne Vorwarnung.» Stark geneigte Laubbäume gehören zu den gefährlichsten Situationen. «Ein Laubbaum unter Spannung kann auseinanderbrechen und dann umstürzen. Die Zahl der Menschen, die in solchen Situationen beinahe ums Leben gekommen wären, ist unglaublich hoch.»

Auch forstwirtschaftliche und ökologische Entscheidungen spielen eine Rolle für die Arbeitssicherheit. «Wir sind von einem ‹sauberen› Wald, in dem alle Äste entfernt und vor Ort verbrannt wurden, zum Gegenteil übergegangen: Je mehr Totholz, desto besser für die Biodiversität. Aber für die Arbeitssicherheit wird es dadurch viel komplizierter. Und die Fluchtwege sind nicht mehr so offensichtlich.» Zu diesen Entwicklungen kommt eine zunehmende Unsicherheit aufgrund des Klimawandels hinzu. Wiederholte Dürren, Baumsterben, erhöhte Instabilität der Bestände: All dies sind Faktoren, die die Arbeit unvorhersehbarer machen. «Wir arbeiten heute in fragileren Strukturen», beobachtet Stéphane Seuret.

In einem solchen Umfeld wäre ein ähnlich schwerer Sturm wie Vivian oder Lothar ein von vielen Förstern gefürchtetes Szenario. «Die Menschen wären nicht darauf vorbereitet, in einer solchen Situation zu arbeiten. Selbst als Profi war ich extrem angespannt, umgeben von all diesen Bäumen, die nach Vivian und Lothar unter Spannung standen.» Im Wald darf das Risiko also niemals unterschätzt werden. Daher ist Prävention auch für private Waldbesitzer wichtig, die ihre Grundstücke nur für sich selbst bewirtschaften.

Warum eine spezifische Prävention?

Das Bundesgesetz über den Wald (Art. 21a WaG) schreibt eine Ausbildung für Personen vor, die im Rahmen einer bezahlten beruflichen Tätigkeit Holz ernten, unabhängig davon, ob diese Vergütung in bar oder in Naturalien erfolgt. Mit anderen Worten: Ein Leistungsaustausch – beispielsweise Brennholz als Gegenleistung für eine Arbeit – kann bereits ein Arbeitsverhältnis darstellen, das dieser Verpflichtung unterliegt. Auch wenn die entsprechende Richtlinie 2134 für Forstarbeiten der Eidgenössischen Koordinationskommission für Arbeitssicherheit (EKAS) theoretisch auch für ihn gilt, unterliegt ein Waldeigentümer, der seinen Wald ausschliesslich für den Eigenbedarf nutzt, dieser Ausbildungsanforderung nicht. Eine rechtliche Besonderheit, die Stéphane Seuret mit einem Hauch Sarkasmus kommentiert: «Ein privater Waldbesitzer kann sich durchaus eine billige Kettensäge kaufen und ohne Ausrüstung und Ausbildung allein in seinem Wald Bäume fällen, wenn ihm danach ist.»

Trotz allem ist die obligatorische Ausbildung im Umgang mit der Kettensäge, die 2022 endgültig in Kraft getreten ist, ein Schritt in die richtige Richtung. Ihre Auswirkungen sind jedoch schwer zu messen. «Das Problem bei der Prävention ist, dass es unmöglich ist, die Zahl der vermiedenen Unfälle zu beziffern. Man sieht nur jene Unfälle, die bereits passiert sind, nicht diejenigen, die verhindert werden konnten.» Auch wenn ihre Auswirkungen schwer zu quantifizieren sind, ist die Arbeit der BUL für die Prävention zwischen verwandten Branchen von grosser Bedeutung. «Wir kennen die Anforderungen der Landwirtschaft ebenso wie jene der Forstwirtschaft, daher ist es für uns einfacher, uns Gehör zu verschaffen», sagt Stéphane Seuret.

Ausbilden, immer wieder

Und wie kann man in diesem speziellen Umfeld am besten vorbeugen? «Was funktioniert, ist die Ausbildung. Was nicht funktioniert, ist, dass die Leute zur Ausbildung kommen.» Aus Zeit- oder Geldmangel oder weil sie glauben, schon alles zu wissen, verzichten viele darauf. «Wir bieten keine dummen Schulungen an. Wir überprüfen Kompetenzen und geben Werkzeuge an die Hand. Am Ende erkennen die meisten Teilnehmer, dass sie etwas gelernt haben, und sie sind dankbar dafür.» Prävention, betont Stéphane Seuret, höre nicht bei der unmittelbaren Sicherheit auf. «Der Bereich Gesundheit wird noch weniger ernst genommen als der Bereich Sicherheit. Dabei ist Ergonomie ebenfalls Teil der Prävention gegen Unfälle und Berufskrankheiten.

Nehmen die betroffenen Unternehmen nach jedem schweren Unfall Änderungen vor? «Entgegen allen Erwartungen passiert manchmal gar nichts. In unserem landwirtschaftlichen Umfeld trifft man hier und da noch auf die Vorstellung, dass der Tod am Arbeitsplatz zu den Risiken gehört, die man in Kauf nehmen muss.» Gegen diesen Fatalismus kämpft Stéphane Seuret täglich an. «Sicherheit ist kein Zustand. Es ist ein Prozess, der unermüdlich gepflegt werden muss.» Denn auch wenn Menschen negative Erfahrungen schnell vergessen, sind Unfälle im Wald gnadenlos. Nicht zuletzt aus diesem Grund veranstaltet die BUL am 18. und 19. August 2026 Präventionstage mit Schwerpunkt auf Forstarbeiten und verwandten Tätigkeiten.

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