90% des Hochmoors Torfriet bei Pfäffikon sind forstrechtlich gesehen Wald. Ein Teil davon ist Naturschutzgebiet.Foto: Sarah Sidler

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Moorwälder ziehen neue Wildarten und Menschen an

Die Wiedervernässung von Waldmooren leistet einen wichtigen Beitrag zum Schutz des Klimas und erhöht die Biodiversität. Zwei unterschiedliche Beispiele in Pfäffikon (ZH) und Corminbœuf (FR) zeigen, wieso es wichtig ist, solche Lebensräume zu fördern und zu erhalten.

Sarah Sidler, Alain Douard | In der Schweiz existieren 551 Hochmoore von nationaler Bedeutung. Alle zusammen bedecken eine Fläche von rund 1500 Hektar. Sie entstanden, als sich nach der letzten Eiszeit vor rund 10 000 Jahren die Gletscher zurückgezogen haben.

Laut Lena Gubler, Moorspezialistin bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL),  sind im letzten Jahrhundert rund 90% der Hochmoore mittels Entwässerungsgräben trockengelegt worden, dies für die land- und forstwirtschaftliche Nutzung oder den Torfabbau. «Laut Verfassung sind Hochmoore geschützt, und gemäss Verordnung müssen die Kantone sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit zurückbauen», sagt Lena Gubler. Doch oft fehlt das Geld dazu, oder es mangelt an personellen Ressourcen.

Hochmoore sind stark bedroht. Dadurch fehlt vielen hoch spezialisierten Arten der Lebensraum. Da aus entwässerten Mooren zudem riesige Mengen CO2. entweichen, ist ihre Vernässung von höchster Wichtigkeit. Nur so werden sie wieder zu langfristigen Kohlenstoffspeichern. Ihr Potenzial ist riesig: Weltweit speichern Moorböden 30% des Bodenkohlenstoffs, obwohl sie nur gerade 3% der Fläche bedecken.

Eines der grössten Moorgebiete im Kanton Zürich ist das 30 Hektar grosse Hochmoor Torfriet bei Pfäffikon. Dieses wurde während der vergangenen Jahrzehnte stark aufgelichtet und wiedervernässt. Die Kosten beliefen sich auf rund eine halbe Million Franken und wurden hauptsächlich von der Fachstelle Naturschutz des Kantons Zürich getragen.

Da nach Einstellung des Torfabbaus Wald aufkam, verdunkelte sich das Gebiet. Licht ist jedoch wesentlich für ein intaktes Hochmoor. Deshalb wurden grosse Teile dieses Waldmoors in den letzten 20 Jahren sukzessive aufgelichtet. Um den empfindlichen, weichen Moorboden nicht durch schwere Maschinen zu zerstören, flog man einen grossen Teil der gefällten Bäume – meist Fichten und Faulbäume – mittels Helikopter heraus. Die Holzschläge erfolgten in Zusammenarbeit zwischen der Fachstelle Naturschutz Kanton Zürich, dem Forstkreis 3 und dem Forstrevier Pfäffikon-Hittnau. Ziel der Schläge war, eine seltene Waldgesellschaft aus locker stehenden Birken und Föhren zu schaffen, damit sich die Moorvegetation im Unterwuchs wieder erholen und ausbreiten konnte.

Die lichtbedürftige Moorvegetation und auch viele der Torfstichweiher sind seither wieder stärker besonnt, wovon Libellen wie die Grosse Moosjungfer sowie Ringelnattern und Frösche profitieren. «Ausserdem konnten nach den Holzschlägen als Grundlagen für die Wiedervernässung Kartierungen und Einmessungen gemacht werden», sagt Kaspar Zirfass vom Ökobüro Pluspunkt. Der Naturwissenschafter ist seit 2015 für das Gebiet verantwortlich.

Um 2003 befanden sich nur noch 0,25 Hektar der Hochmoorfläche in gutem Zustand. Grosse Flächen wurden nach wie vor von den zahlreichen Drainagegräben entwässert, die vom Torfabbau zurückge­blieben waren. Um die hochmoortypischen, hohen Wasserstände wiederherzustellen, begann man, die Gräben mit Spundwänden zu stauen. «Begonnen wurde mit der wertvollsten Fläche, gearbeitet wurde von innen nach aussen.» Als einer der letzten wurde der eineinhalb Meter tiefe Hauptentwässerungsgraben, der Talbach, gestaut.

Es entwickelte sich ein wertvoller Wald

«Diese Massnahmen dienten dazu, den Lebensraum Hochmoor wieder wachsen zu lassen und zu stabilisieren», sagt Kaspar Zirfass. Sie helfen den Torfmoosen (Sphagnum sp.), sich auszubreiten, und fördern die typische Moorvegetation. In der Baumschicht entwickelt sich ein wertvoller Föhren-Birken-Bruchwald, da diese Baumarten auf leicht erhöhten Kuppen natürlich verjüngen. Dieses Mosaik an Lebensräumen führt zu einer sehr hohen Biodiversität.

Heute beträgt die wiedervernässte Fläche 15 Hektar. Sie liegt in einem Schutzgebiet, das inklusive Pufferzonen 45 Hektar umfasst. Im innersten Teil des malerischen Waldmoors zeugen Zeigerpflanzen wie das Wollgras und der Sonnentau von einem sehr naturnahen Zustand. Doch das Torfriet benötigt nach wie vor Pflege. «Auf einem intakten Hochmoor würden weder Schilf noch Faulbäume und Weiden wachsen. Diese müssen wir noch regelmässig entfernen», sagt Kaspar Zirfass. Der Naturwissenschafter steht in einem guten Austausch mit dem verantwortlichen Förster Ralf Krummenacher. Gemeinsam gelingt ihnen, im Torfriet eine seltene Waldgesellschaft zu fördern, Lebensraum für zahlreiche hoch spezialisierte und seltene Arten zu bieten und erst noch CO2 zu binden.

Zuerst entwässert, jetzt wiedervernässt

Der Verdilloud-Wald in der Nähe von Corminbœuf im Kanton Freiburg wird stark frequentiert, was vor allem auf das Vorhandensein einer Forsthütte und die Nähe zur Stadt Freiburg zurückzuführen ist. 50 Meter von diesem Gebäude entfernt befindet sich ein etwa 1 Hektar grosser Teich, der vor zirka 15 Jahren noch gar nicht existierte. An seiner Stelle versuchte ein Bestand aus Fichten sowie einigen Ahornbäumen und Eichen in dem damals feuchten Tal zu gedeihen. «Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden fischgrätenartig angelegte Gräben ausgehoben, um diese Senke auszutrocknen», erklärt Bertrand Zamofing, Förster und Direktor von Forêts-Sarine. Die Forstkorporation ist zuständig für die Pflege des Gemeindewalds von Corminbœuf.

Die Forstleute von damals pflanzten Fichten, ein Bestand, der sich in dem von jedem Regen neu aufgeweichten Boden nie richtig entwickelte. «Dieses Gebiet hat wahrscheinlich nie ordentliches Holz hervorgebracht. Auf den Siegfriedkarten aus dem 19. Jahrhundert ist es bereits unter dem Namen ‹Grand Marais›, also ‹Grosses Moor›, verzeichnet. Anfang der 2010er-Jahre suchte der Kanton nach Gebieten, die wiedervernässt werden sollten, um die Biodiversität zu fördern», erklärt Bertrand Zamofing weiter.

Das Gebiet ist kein Hochmoor wie jenes in Pfäffikon. Es handelt sich um einen sehr lehmigen Boden mit einem starken Gefälle, auf dem sich wahrscheinlich nie Torf bilden konnte, weil die anaeroben Bedingungen fehlten. «Der Gemeinderat stand dem Projekt nicht sehr positiv gegenüber, vor allem wegen der Investitionen, die die Gemeinde einst für die Drainagen getätigt hatte. Letztlich war die Unterstützung der Bevölkerung ausschlaggebend», sagt Bertrand Zamofing.

Das Wasser wurde vorsichtig in zwei Phasen eingeleitet. Einige grosse, liegende Kiefern und Äste dienten dazu, einen provisorischen Damm zu errichten. «Die Wirkung war sofort spürbar. Innerhalb von zwei Wochen war der Ort überflutet. Die Gemeinde errichtete daraufhin einen Steg, um Spaziergängern die Möglichkeit zu geben, sich dem Wasser zu nähern. Dieser Erfolg ermutigte uns, das Projekt mit der Unterstützung des kantonalen Forstdienstes und der Gemeinde zu vollenden. Wir entfernten die Fichten und die wenigen grossen Laubbäume, erhöhten den Damm und verstärkten ihn mit einer Plane.»

Das Grand Marais ist nun einem etwa einen Hektar grossen Teich gewichen. Die Gemeinde musste für diese Anlage, die vom Kanton und vom Bund im Rahmen der Massnahmen zur Förderung der Biodiversität mit 10 000 Franken finanziert wurde, nichts bezahlen. Der Bau des Damms kostete rund 4600 Franken. «Das restliche Geld haben wir zur Seite gelegt, um Unterhaltsarbeiten zu finanzieren. Dabei ging es hauptsächlich darum, einen Teil des Schilfs zu entfernen, das in die Wasserfläche hineingewachsen ist.»

Der Biologe Jérôme Gremaud aus Bulle (FR) führte zusammen mit Berufskollegen eine Erhebung über den Teich und dessen Umgebung durch. Die Spezialisten erkannten, dass sich Fledermäuse hier sehr wohlfühlen. Sie fanden den Grossen Abendsegler, die Zwergfledermaus und mehrere Maus­ohren. «Solche Lebensräume sind für Fledermäuse sehr attraktiv. Sie finden dort grosse, alte Bäume, die Mikrohabitate wie lose Rinde bieten. Fledermäuse schätzen auch das Vorhandensein von Wasser. Sie brauchen es. Wenn sie bei Einbruch der Dunkelheit aufwachen, ist ihre erste Sorge, nach Wasser zu suchen, um ihren Durst zu stillen.»

In stehenden Gewässern entwickeln sich Insektenlarven, die ausgewachsen willkommene Nahrung sind, welche nicht nur Vögel zu schätzen wissen. «Man kann mit Sicherheit sagen, dass die Wiedervernässung von Flächen wie dem Grand Marais von Verdilloud einer der effektivsten Beiträge zur Förderung von Fledermäusen ist. Zahlreiche Erhebungen in anderen Regionen und mehrere Publikationen bestätigen dies», sagt Jérôme Gremaud.

Eine Vielfalt an Lebensräumen bieten

Der Verdilloud-Wald umfasst ein weiteres Areal, dessen Fläche der des Grand Marais entspricht. Der Boden ist dort horizontaler, aber ebenso lehmig und undurchlässig, was ihn wenig ertragreich macht. Nach der Ausdünnung eines Teils des vorhandenen Baumbestands wird auch hier das Wasser wieder eingeleitet, jedoch nur teilweise. Das Ziel sind kleine Teiche, um die Lebensräume zu diversifizieren und andere Formen der Biodiversität zu fördern.

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