Jonas Durand zeigt, wie die eingesandten Zecken vor den Untersuchungen tiefgekühlt werden. Bilder: Alexandra von Ascheraden

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Grosser Forschungsaufwand wegen kleiner Plagegeister

Die Menschen in Frankreich schicken Abertausende Zecken an ein Forschungsinstitut. Dieses analysiert deren Verhalten und Verbreitung sowie die Krankheitserreger, die sie übertragen. Und es erforscht, wie zeckensichere Arbeitskleidung für Forstpersonal beschaffen sein muss.

Alexandra von Ascheraden* | Jonas Durand, Forscher beim Institut national de recherche pour l’agriculture, l’alimentation et l’environnement (Inrae) in Nancy (FRA), öffnet eine Tür am Ende des Ganges. Sie führt in einen Raum voller Tiefkühlschränke, die genau so aussehen wie jene, die zu Hause im Keller stehen. Nur ist ihr Inhalt mit Sicherheit weniger erfreulich als Tiefkühlgemüse und überschüssiger Sonntagsbraten.

Jonas Durand sammelt hier seine Forschungsobjekte: Zecken. Seit neun Jahren sammelt Inrae im Rahmen des Forschungsprojekts «CiTIQUE» (ein Kofferwort aus den französischen Begriffen für Bürger [citoyen]und Zecke [tique]) Zecken aus ganz Frankreich. Wer eine auf sich oder seinem Haustier findet, kann sie in einen Umschlag stecken und an das Forschungsprojekt schicken. Seit dem Projektstart im Jahr 2017 sind dort 100 000 Meldungen über Zeckenstiche eingegangen. 60 000 der eingesandten Zecken wurden konserviert; zumeist in besagten Gefrierschränken, einige auch in Alkohol.

Die Forschenden wollen herausfinden, welche Bevölkerungsgruppen am meisten von Zeckenstichen betroffen sind. Unerwartetes Ergebnis: vor allem Kleinkinder. 44 Meldungen auf 100 000 Personen betreffen die Altersgruppe bis 5 Jahre. Es folgen die unter 11-Jährigen mit 27 Meldungen. Platz 3 belegen Personen zwischen 31 und 40 Jahren mit 17 Meldungen. Männer werden eher im Wald gestochen, Frauen eher im Garten.

Der Gemeine Holzbock ist der Platzhirsch

Und fast immer – in 96 Prozent der Fälle – ist es
Ixodes ricinus, der Gemeine Holzbock, der sich da am menschlichen Blut labt. Lediglich in den Mittelmeerregionen kamen auch Dermacentor- und Rhipicephalus-Zecken häufiger vor. Eingeschickte Zecken werden mitsamt den Briefumschlägen tiefgefroren. So krabbelt beim Bestimmen mit Sicherheit keine mehr heraus. Anschliessend werden sie inklusive ihrer Fundorte in einer Datenbank erfasst. Sämtliche Einsendungen auf Erreger zu untersuchen, wäre nicht zu stemmen. Alternativ wurden 2000 Zecken über alle französischen Regionen hinweg auf 25 pathogene Erreger untersucht, welche die Tiere in sich tragen können. Auch das Ergebnis dieser kleinen Stichprobe lässt aufhorchen: «Knapp dreissig Prozent trugen pathogene Bakterien oder Parasiten. Fünf Prozent sogar mindestens zwei.»

In den analysierten Zecken wurden 22 Krankheitserreger nachgewiesen, von denen 19 potenziell pathogen für den Menschen sind. Diese Krankheitserreger waren weit über das Land verteilt. Borrelia-Arten, welche die gefürchtete Lyme-Borreliose auslösen können, wurden am häufigsten nachgewiesen. Die Infektionsraten mit Anaplasma phagocytophilum variierten je nach Region stark. Dieses Bakterium kann eine fieberhafte Erkrankung auslösen, die sogenannte Humane Granulozytäre Anaplasmose. Auch Hunde, Katzen, Pferde und Wiederkäuer können infiziert werden. Neoehrlichia mikurensis wurde zwar in allen französischen Regionen gefunden, aber jeweils nur vereinzelt. Dieses Bakterium ist Auslöser der Neoehrlichiose, einer Krankheit mit unspezifischen Symptomen wie Unwohlsein, Gelenkschmerz, hohem Fieber und Gewichtsverlust, die sich ohne Behandlung mit Antibiotika über Monate hinziehen kann. Jonas Durand: «Es gibt keine Region in Frankreich ohne Infektionsrisiko durch Zecken, auch wenn die Häufigkeit stark schwankt. Es lohnt sich wirklich, sich jeden Abend auf Zecken abzusuchen.»

Die ersten 24 Stunden sind entscheidend

Werden Zecken innerhalb von 24 Stunden entfernt, minimiert dies das Übertragungsrisiko von Krankheiten. Jonas Durand stellt aber fest, dass es jedes Jahr wieder so etwas wie eine Gewöhnungsphase zu brauchen scheint: «Zwischen März und Mai erreichen uns mehr Zecken, die vergleichsweise spät entdeckt wurden. Nur etwa fünfzig Prozent werden innerhalb der Vierundzwanzig-Stunden-Frist entfernt. Wir vermuten, dass sich die Menschen im Frühling der Gefahr erst wieder bewusst werden müssen. Im Herbst erreichen uns deutlich mehr rechtzeitig entfernte Zecken.»

Ein weiteres Ergebnis, das erst durch die Vielzahl der Einsendungen möglich wurde: Es gibt immer wieder Zeckenstiche, die innerhalb der Wohnung erfolgen. «Man ging lange davon aus, dass Zecken im trockenen Wohnungsklima absterben, falls sie etwa von einem Haustier oder in der Kleidung hereingeschleppt werden. Das stimmt offensichtlich nicht. Immerhin vier Prozent aller Zeckenstiche fanden in der Wohnung statt.»

Mechanische Lösungen werden erforscht

Chemische Mittel schützen vor Zeckenstichen. Hundertprozentigen Schutz bieten sie aber nicht. Daher forscht das Zeckenprojekt unter anderem in Zusammenarbeit mit dem französischen Staatsforst Office national des forêts (ONF) auch an mechanischen Lösungen. Marilyne Fouquart vom ONF leitet ein Projekt, in welchem Materialien gesucht werden, die Zecken davon abhalten, überhaupt zuzustechen. Die «Probanden» holt die Forscherin mit ihren Kollegen ab Beginn der Saison in den Wiesen der Umgebung. Sie ziehen weisse Zeckenfahnen, an Stäben befestigte Handtücher, durchs hochstehende Gras und haben so bald eine Vielzahl «Freiwilliger» fürs Labor eingesammelt.

In standardisierten Tests beobachtet Marilyne Fouquart, wie sich Zecken im Kontakt mit verschiedenen Materialien verhalten. Während des Besuchs in ihrem Labor lässt sie beispielsweise unter dem Mikroskop gerade eine Zecke über das Blatt einer Kaktee laufen und protokolliert deren Verhalten. Marilyne Fouquart darf, da das Projekt noch läuft, nicht allzu viel verraten. Sie erzählt aber: «Wir testen unter anderem pulverförmige Materialien wie Sand oder Talkum sowie klebrige, abrasive und statisch aufgeladene.» Vielversprechend erscheint im Moment ein Material, das auf der Oberfläche einer Pflanze beruht. Diese hat winzige Härchen, sogenannte Trichome. Darin verfängt sich die Zecke beim Laufen und wird an der Fortbewegung gehindert. Marilyne Fouquart ist nun im Gespräch mit Fachleuten aus der Glas-, Holz- und Metallindustrie, um zu ergründen, wie sich diese Eigenschaften im Mikrometermassstab auf andere Materialien übertragen lassen.

Ausserdem werden Prototypen von Bekleidungselementen getestet, etwa mit Klettverschluss verschliessbare, eng anliegende Kragen oder Ärmelabschlüsse, die ein Hineinkrabbeln der Spinnentiere verhindern. Auch ein Ganzkörperanzug wurde bereits getestet. Die Forschenden versuchen sich ebenfalls an labyrinthartigen Strukturen in der Kleidung, um Zecken in die Falle zu locken, oder an einer elektro­statisch aufgeladenen Bürste. Ideen gibt es reichlich.

Noch liegen aber nicht genug Ergebnisse vor, um abschliessende Aussagen zu machen. Im April, wenn die Zeckensaison wieder startet und somit neue unfreiwillige «Probanden» zur Verfügung stehen, werden weitere Tests durchgeführt, unter anderem mit technischen Textilien, die auf Basis der bisherigen Erkenntnisse eigens angefertigt wurden und in den Laborschränken bereits auf ihren Einsatz warten.

Immer am Puls des Waldes: Wald und Holz jetzt abonnieren

ähnliche News aus dem Wald