Durch die vielfältigen Strukturen und den Wechsel von Licht und Schatten sind Waldweiden ökologische Hotspots. Foto: Sarah Sidler

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Die Vorteile von beweideten Wäldern erhalten mehr Gewicht

Eigentlich verbietet das Waldgesetz Nutztiere in Schweizer Wäldern. Da sie jedoch lichte Wälder und damit die Biodiversität fördern, kehren sie langsam zurück. Durch ihre Frasseigenschaften bewirtschaften Rinder, Schafe und Ziegen Flächen kostengünstig und naturnah.

Sarah Sidler | Es sind ungewohnte Anblicke, welche sich Waldbesuchenden im Aargauer Fricktal bieten. Im steilen Linner Wald beim grössten Wasserfall im Kanton Aargau etwa sind Ziegen im steilen Gelände unterwegs, und nahe Zeihen (AG) weiden Schottische Hochlandrinder an einem Waldrand. Es sind Bilder wie aus vergangenen Zeiten, als Wälder weitgehend als Waldweiden genutzt wurden.

Die Tiere sind dort im Rahmen des Naturschutzprogramms Wald des Kantons Aargau anstatt Maschinen im Einsatz. Sie sorgen für strukturierte Waldränder und lichte Wälder, indem sie durch ihre Frasseigenschaften die Krautschicht zurückdrängen. Ihre Tritte schaffen Mikrohabitate. Lichte Wälder sind seit dem Beweidungsverbot, das Anfang des 19. Jahrhunderts in Kraft gesetzt wurde, kaum mehr vorhanden. Dies führte zu einem Rückgang vieler Tier-, Pflanzen- und Insektenarten. Einige lichtbedürftige Arten sind gar ausgestorben. 

Die Beweidung von Wald gehört in der Schweiz zu den unzulässigen nachteiligen Nutzungen, welche ausnahmsweise bewilligt werden können. Im Kanton Aargau werden Ausnahmebewilligungen seit 25 Jahren erteilt. Nach der Projekteingabe durch Waldbesitzende oder -bewirtschaftende und Abwägung der Interessen der Walderhaltung, der Jagd, der Gemeinde und anderer kantonaler Fachstellen wird das Weidegesuch öffentlich ausgeschrieben. Gibt es keine Einwendungen und ist es mit den Zielen des Gesetzes vereinbar, kann eine Bewilligung für sechs Jahre ausgestellt werden.

«Wir bewilligen Waldweiden nur auf wenig produktiven Flächen und wenn verschiedene Kriterien erfüllt werden. Zentral sind die Schaffung von ökologischem Mehrwert durch die Tiere im Wald sowie die Einsparung von Kosten», sagt Stefanie Burger von der Abteilung Wald. Derzeit sind im Aargau 30 Waldweiden bewilligt. Rund ein Drittel davon befindet sich im Fricktal, weil sich dessen magere Böden dafür anbieten.

Rolf Treier, Leiter des Forstbetriebs Homberg-Schenkenberg in Zeihen und Landwirt, betreibt seit 15 Jahren Waldweiden im Revier. Die Tiere beweiden zwischen Mai und November meist Waldränder. Jüngst ist eine siebte Waldweide im Kästhal bei Effingen (AG) dazugekommen. Der eingewachsene Privatwald eignet sich für die Beweidung, weil er Föhren- sowie Restbestände seltener Orchideen beinhaltet. «Während ich früher vor der Beweidung grosse Eingriffe im Unterholz tätigte, habe ich bei der neuen Weide nur den Baumbestand etwas ausgelichtet, damit ich einfacher zäunen kann», berichtet er. Mit den Jahren habe er gelernt, dass seine Tiere ihm eine Menge Arbeit abnehmen, etwa beim Auslichten. «Schottische Hochlandrinder sorgen durch ihr Fressverhalten für natürlich strukturierte und durchlässige Waldränder. Ihre Trittschäden – ich sage Trittchancen – sorgen für selten gewordene Lebensräume für Amphibien», führt der 50-Jährige aus. So kommen in beweideten Wäldern im Fricktal neben seltenen Orchideen beispielsweise die stark gefährdeten Geburtshelferkröten vor. Weil ihr Quaken an Glockengeläut erinnert, werden sie auch «Glögglifrösche» genannt.

Waldweiden werden vermehrt bewilligt

Nun beweiden im Revier Homberg-Schenkenberg ein Teil der 90 Schottischen Hochlandrinder von Rolf Treier sowie Tiere von creaNatira 29% aller Waldweiden im Kanton, was 18 von total 61 Hektaren entspricht.

creaNatira, die Tochterfirma von
Pro Natura, betreibt auf Boden des Forstreviers Homberg-Schenkenberg fünf Waldweiden. Insgesamt lässt die GmbH 20 Flächen durch Tiere bewirtschaften. So pflegt creaNatira schützenswerte Flächen mit Schottischen Hochlandrindern, Galloways, Wasserbüffeln, Ziegen und Schafen von privaten Haltern aus der Umgebung. Nicht alle Tiere eignen sich für dieselben Flächen. «Oft lassen wir erst die Ziegen in Waldweiden, da diese Gehölz und Brombeeren fressen. Wächst die Krautschicht, kommen die Rinder zum Einsatz, um die Wälder licht zu halten», sagt Projektleiterin Lena Bühlmann. Schafe findet man weniger in Wäldern. Wenn, dann im steilen Gelände, wo Rinder nicht hinkommen. Wasserbüffel halten Feuchtgebiete frei von Schilf und Seggen.

Das Betreiben von Waldweiden gibt einiges zu tun. So schauen die Verantwortlichen täglich nach den Tieren. Damit die Flächen nicht übernutzt werden, müssen die Tiere regelmässig die Weiden wechseln. Das bedeutet häufiges Umzäunen, denn die Zäune dürfen nur während der Beweidung stehen. Die Verantwortlichen von creaNatira übernehmen zudem die Koordination mit den Tierhaltern, erstellen Budgets, machen die Planung und beschaffen die notwendigen Bewilligungen. «Waldweiden werden vermehrt zum Thema», sagt Lena Bühlmann erfreut. Vor Kurzem seien weitere im Möriken-Wildegg (AG) sowie im Kanton Zürich bewilligt worden.

Naturschutz als interessantes Standbein

Knapp die Hälfte der Fläche des öffentlichen Waldes im Forstbetrieb Homberg-Schenkenberg sind Objekte aus dem Inventar für Naturschutzgebiete von Kantonaler Bedeutung im Wald (NKBW), für welche spezielle Naturschutzziele bestehen. Ein Grossteil dieser Fläche dient der normalen Holzproduktion, mit leichten Einschränkungen. In Orchideen-Föhrenwäldern, Blockschutthalden, Feuchtgebieten, Waldweiden, Eichenwaldreservaten und Altholzinseln werden Naturvorrangflächen aktiv umgesetzt. Diese machen im Forstbetrieb Homberg-Schenkenberg rund 16% des öffentlichen Waldes aus.

Die Naturschutzarbeiten im Wald betragen zwischen 10 und 15% des Gesamtumsatzes des Forstbetriebs Homberg-Schenkenberg. Davon stammen rund 5% oder 15 000 Franken aus den Entschädigungen für das Betreiben der Waldweiden. 2024 machten Naturschutzarbeiten im und um den Wald rund 40% des Gesamtumsatzes von 3,2 Millionen Franken aus. Der Gewinn betrug rund eine halbe Million Franken.

Rolf Treier arbeitet hier seit 27 Jahren als Förster. Anfänglich bewirtschaftete der Forstbetrieb mit zwei Mitarbeitern rund 320 Hektaren Wald. Heute sind 22 Mitarbeitende für 2000 Hektar Wald und die übrigen Standbeine verantwortlich. Seit einem Jahr ist der Forstbetrieb Homberg-Schenkenberg eine selbstständige öffentlich-rechtliche Gemeindeanstalt mit Sitz in Zeihen. Träger sind die vier Aargauer Gemeinden Böztal, Schinznach, Thalheim und Zeihen mit den Wäldern ihrer Ortsbürger- und Einwohnergemeinden sowie der Kanton Aargau mit dem Staatswald in den Gemeinden Schinznach und Thalheim.

Immer am Puls des Waldes: Wald und Holz jetzt abonnieren

ähnliche News aus dem Wald