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Geräuschkulisse und Optik fördern die Erholung im Wald

Der Wald ist eine ideale Umgebung, wo sich Menschen erholen können. Während die Umweltpsychologie dies bislang vor allem an visuellen Faktoren festmachte, zeigen die Erkenntnisse aus einer neuen Studie, dass auch akustische Eigenschaften eine wichtige Rolle spielen.

Ralph Möll | Aus den Baumwipfeln tönt ein beruhigendes Rauschen, in der Nähe gluckert ein Bach, und irgendwo rattert das Stakkato-Hämmern eines Buntspechts auf Nahrungssuche. Eine idyllische Geräuschkulisse, die so wohl in den meisten heimischen Wäldern anzutreffen ist. Und sie ist nicht nur idyllisch, sondern sie unterstützt auch die Erholung von gestressten Menschen.

Diese Funktion als Naherholungsgebiet ist eine der zahlreichen Ökosystemleistungen des Waldes. Der Wald bietet Raum für Erlebnisse, für Sport, für Kunst und Kultur. Neben Versorgungsleistungen wie der Produktion von Sauerstoff, Nahrungsmitteln und Trinkwasser erbringt der Wald ausserdem Regulationsleistungen wie Erosions- und Hochwasserschutz, als Kohlenstoffspeicher und als Lebensraum für eine Vielzahl Lebewesen – vom Mikroorganismus bis zum Grossraubtier.

Seit einigen Jahren verbringen die Menschen deutlich mehr Zeit im Freien. Vor allem in der wärmeren Jahreszeit bietet sich der Wald als Fluchtort aus den heimischen vier Wänden an. Nicht nur wegen seines eingangs erwähnten gefälligen Soundtracks, sondern auch, weil es im Wald angenehm kühl ist, weil die Atmosphäre beruhigend wirkt und weil ein Aufenthalt im Wald eine durchaus erholsame Wirkung hat.

Allein allein war man im Wald seither selten. Viele Mitmenschen haben die Vorzüge dieser kostenlosen Naherholungsmöglichkeit ebenfalls erkannt, und sie nutzen sie seither regelmässig. Das birgt Konfliktpotenzial, doch dazu später mehr.

Auf die Landschaft kommt es an

Jeder Mensch muss sich von Zeit zu Zeit erholen. Die Wissenschaft hat festgestellt, dass die Erholung in attraktiven und zugänglichen Landschaften besonders gut gelingt. Doch was macht eine «attraktive und zugängliche» Landschaft aus? Über welche Merkmale muss sie verfügen, damit sie eine hohe «Erholsamkeit» aufweist? Dazu existierten zwei prominente Theorien, erklärt Nicole Bauer, Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gruppe Sozialwissenschaftliche Landschaftsforschung an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

Einerseits wäre da die psychoevolu­tionäre Stresserholungstheorie, die zusammengefasst besagt, dass sich der Mensch entspannen kann, wenn er Vegetation und Wasser sieht. Die Grundannahme dafür ist, dass beide Faktoren schon lange für die Evolution, für das Überleben des Menschen wichtig sind. «Man beobachtet zwar, dass naturnahe Szenen bei Menschen für Erholung sorgen, überprüfen lässt sich diese Theorie jedoch nicht», sagt Nicole Bauer.

Dann gibt es die Aufmerksamkeitserholungstheorie von Kaplan und Kaplan aus dem Jahr 1989. Gemäss dieser blenden Menschen im Alltag viele Reize aus, um sich zu konzentrieren. Nach einer gewissen Zeit funktioniert diese Fokussierung nicht mehr. Dann braucht es eine Pause, um sich zu erholen. Diese Erholung gelingt laut Kaplan und Kaplan in einer Landschaft am besten, die über gewisse Eigenschaften verfügt.

Eine solche Eigenschaft ist die «Fascination». Die Landschaft muss die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ohne dass man sich darauf fokussieren muss. «Das gelingt der Natur überraschenderweise ganz gut. Die vorhandene Struktur ist frei von Unruhe, aber trotzdem ist immer etwas los», erklärt Nicole Bauer. Der zweite Faktor ist das «Being away», also die Alltagsferne, eine andere als die während der Arbeit gewohnte Umgebung. «Arbeite ich hauptsächlich im Büro und am Bildschirm, ist der Wald ein sehr grosser Kontrast dazu.» Genau diese Voraussetzung dürfte daher mitverantwortlich dafür sein, dass laut Studien ausgerechnet Forstfachleute und andere Menschen, die ebenfalls beruflich mit dem Wald zu tun haben, den Aufenthalt in ebendiesem als weniger erholsam beurteilen.

Damit sie als erholsam gelten, sollten Landschaften ausserdem nicht zu eingeschränkt sein und eine gewisse Weite aufweisen («Extent»), sie sollten als kohärent wahrgenommen werden, also einfach zu verstehen und klar strukturiert sein («Coherence»), und sie sollten mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen übereinstimmen («Compatibility»). «Wenn jemand zum Beispiel gerne wandern geht, sollte er sich eine entsprechende Umgebung suchen.»

Auch die Akustik spielt eine Rolle

All den oben erwähnten Faktoren ist gemein, dass sie ausschliesslich visueller Natur sind. «In der Forschung fokussierte man sehr lange nur auf visuelle Merkmale. Wir haben uns nun auch dem Akustischen, der Geräuschkulisse, angenommen. Die ist nämlich genauso wichtig», erläutert die Psychologin. Die Studie «Hören und stören?» wollte anhand von Interviews mit 305 Personen herausfinden, wie sich sowohl hör- als auch sichtbare Faktoren auf die Erholung in naturnahen Landschaften und Grünräumen auswirken.

Die Interviews fanden mit Personen statt, die einer langsamen Erholungstätigkeit wie beispielsweise Spazieren nachgingen, und zwar in zehn Ortschaften, die als periurban gelten und an den Grenzen zwischen ausgeprägt städtischen und deutlich ländlichen Regionen liegen: Dietikon (ZH), Laupen (BE), Malters (LU), Mellingen (AG), Münchenbuchsee (BE), Rolle (VD), Rümlang (ZH), Stallikon (ZH), Villars-sur-Glâne (FR) und Zuzwil (SG). Die Konzentration auf Ortschaften am Übergang vom urbanen zum ruralen Raum (oder umgekehrt) erfolgte bewusst: «Bislang wurde zur Geräuschwahrnehmung viel im urbanen Raum geforscht. Die Schweiz besteht aber nicht nur aus dichten Städten.» Die Befragten bewerteten natürliche Elemente wie Bäume, Wald, Fliessgewässer, Vögel sowie Büsche und Sträucher im Hinblick auf ihren Einfluss auf die Erholung am positivsten. Schlecht bewertet wurden hingegen Motorfahrzeuge, herumliegender Abfall, Baustellen, Autobahnen sowie Wohnblocks und Einfamilienhäuser. Bei der Frage nach dem Einfluss bestimmter Geräusche auf die Erholung wurden Wasser, Vögel und Wind mit Abstand am positivsten bewertet, während die Geräusche von Motorfahrzeugen auch hier am anderen Ende der Rangliste auftauchen, noch hinter Schiess- und Baulärm.

Lärmquelle zu verstecken, hat einen Effekt

Dieser Untersuchung vorausgegangen war ein Projekt des Schweizerischen Nationalfonds (SNF), in welchem die WSL und die Empa herausfinden wollten, wie Verkehrslärm die Erholung grundsätzlich beeinflusst. Dabei fanden die Forschenden heraus, dass auch ein geringer Verkehrslärmpegel die Erholungsfunktion in Naherholungsgebieten wie dem Wald einschränkt. Um diesen Lärm zu mindern, gibt es verschiedene Ansätze. So reicht es oft schon, die Lärmquelle zu verstecken. «Werden beispielsweise in einem Park Bäume und Gebüsche zwischen Strasse und Park gepflanzt, hat das bereits eine positive Wirkung auf die Erholung. Obwohl der Schallpegel nahezu unverändert bleibt, wird das Geräusch als weniger störend wahrgenommen», erklärt Nicole Bauer. Andere Beispiele hätten gezeigt, dass sich störende Geräusche auch mit solchen, die als angenehm empfunden werden, maskieren lassen, sogar wenn Letztere lauter sind als der ursprüngliche Lärm, beispielsweise Vogelgezwitscher oder in einen Brunnen plätscherndes Wasser.

«Hören und stören?»

Die «Hören und stören?»-Studie, welche die WSL im Auftrag der Abteilung Biodiversität und Landschaft des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) verfasst hat, kommt zum Schluss, dass seh- und hörbare Eindrücke zur Erholung beitragen. Es sei daher wichtig, visuelle und akustische Ruhe zu schützen und zu fördern. Dies muss laut Nicole Bauer schon bei der Planung von Landschaften berücksichtigt werden. Der technische Bericht, der aus der Studie hervorgegangen ist und der entsprechende Empfehlungen und Massnahmen enthält, wird daher Lärmschutzstellen, Raumplanern, Architekten und anderen Planern zugestellt.

Im Wald gibt es allerdings keine Landschaften, die zwecks Erhöhung der Erholsamkeit neu geformt oder designt werden müssten. Dennoch gibt es klare Präferenzen, wie ein «erholsamer» Wald auszusehen hat. «Die Menschen schätzen lichten Wald, der über wenig Unterholz verfügt und nicht dunkel ist», erklärt Nicole Bauer. Auch Zeichen von Pflege und Ordnung sowie Infrastruktur wie Sitzbänke würden positiv bewertet, weil sie Lesbarkeit der Umgebung und Orientierung ermöglichten oder nutzbar seien.

Dies geht auch aus den Berichten Waldmonitoring Soziokulturell (WaMos) hervor, in welchen die WSL das Verhältnis der Schweizer Bevölkerung zum Wald untersucht. Laut WaMos 3 aus dem Jahr 2022 können sich die Menschen im Wald gut erholen. Doch habe die Zufriedenheit mit dem Erholungserlebnis gegenüber WaMos 2 von 2013 abgenommen. «Das hat vermutlich viel damit zu tun, dass sich heute mehr Menschen im Wald aufhalten. Die Waldbesucherinnen und -besucher fühlen sich dadurch bei ihrer Erholung gestört.»

Hinsichtlich solcher Nutzungskonflikte käme laut Nicole Bauer eine separierte Führung der verschiedenen Ströme als mögliche Lösung infrage. Für Spaziergängerinnen und Spaziergänger könne es zum Beispiel sehr störend sein, wenn ihnen auf einem Waldweg Bikerinnen und Biker begegneten. «Hier könnte es sinnvoll sein, die Wege der verschiedenen Nutzergruppen gezielt voneinander zu trennen.»

Zwischen Wald und Forst

Dabei darf nicht vergessen werden, dass der Wald nicht ausschliesslich Erholungsraum ist, sondern dass darin auch gearbeitet wird. Doch wie verhält es sich mit der Erholung, wenn der Wald zum Forst wird? Gemäss WaMos 3 ist die Bevölkerung mit der Waldbewirtschaftung zwar unverändert zufrieden, doch die Akzeptanz der dafür notwendigen Forstarbeiten hat abgenommen.»

Das hört sich auf den ersten Blick irrational an. Auf den zweiten Blick ist es das auch. Allerdings ist es auch ein Muster, welches immer wieder und auch in anderen Bereichen anzutreffen ist. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Umbau des Energiesystems: Die Energiestrategie des Bundes nahm die Stimmbevölkerung 2017 an der Urne mit deutlichem Mehr an. Sobald jedoch deren abstrakte Ziele in konkrete Gesetze und Massnahmen formuliert werden sollten, lehnte das Stimmvolk diese reihenweise ab. Und so ist es offensichtlich auch bei Waldbesucherinnen und -besuchern: Waldbewirtschaftung annerkennen sie zwar als sinnvoll und wichtig, aber bitte ja nicht dort, wo sie den Wald selbst nutzen wollen.

Was können Erholungssuchende tun, wenn «ihre» Waldstrasse einmal wegen Holzschlags gesperrt ist und sie deswegen nicht ihre übliche Spazier-, Jogging- oder Bike-Runde absolvieren können? Nun, das Gespräch mit Forstfachleuten zu suchen, ist immer ein guter Anfang. Die geben nämlich sehr gerne Auskunft über das, was sie im Wald tun und wie lange es noch dauern wird – wenn man sie denn anständig fragt. Und wenn jemand Ruhe sucht, stattdessen aber Motorsägenlärm findet? Dann hilft möglicherweise nur noch der Stakkato-Specht, um das Motorgeräusch mit seinem Gehämmer zu maskieren …

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