Die Alphornmacherei Bachmann in Eggiwil im Emmental stellt seit 100 Jahren Alphörner in Handarbeit her.Fotos: Alexandra von Ascheraden

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Die moderne «Swiss Lady» braucht keinen «Chrump» mehr

Vor 100 Jahren bastelte sich Ernst Schüpbach im bernischen Eggiwil aus einer kleinen Tanne sein erstes Alphorn. Daraus entstand ein Familienbetrieb, der heute mit höchster Präzision arbeitet; weit entfernt von den Anfängen mit krummgewachsenen Tannen.

Alexandra von Ascheraden* | «Beim Wandern suche ich mir unterwegs gern einen Rastplatz, von dem ich auf die Nordwand sehen kann. Dort wächst hoch oben der Baum, den ich für meine Arbeit brauche. Die Haselfichte kommt mit kargem Boden und harten Witterungsbedingungen zurecht», sagt Alphornbauer Walter Bachmann. Die Haselfichte wächst in Höhen über 1000 Meter. Es gibt grün- und rotzapfige Arten.

Die Haselfichte wächst so langsam, dass ihre Jahresringe eng sind. Sehr eng. Genau das macht gutes Klangholz aus. Walter Bachmann kann die Haselfichten von Weitem an ihrer Gestalt erkennen: «Ihre Äste sind stammnah. Die ganze Gestalt ist dadurch etwas anders als die der normalen Fichte. Meist wachsen sie in kleinen Gruppen zu mehreren. Nur ganz selten gibt es Einzelbäume.» Durch sein schlankes, säulenartiges Erscheinungsbild mit den kurzastigen, spitzen Kronen hält dieser Baum hohem Schneedruck stand. Seine Wuchsform ermöglicht ihm Bestände selbst im steilen und waldbaulich heiklen Gelände des hochmontanen Waldes.

Haselfichten sind eine Laune der Natur. Ihr Holz erinnert an das des Haselnussstrauchs. Das hat dem Baum seinen Namen eingebracht. Er wird nicht eigens forstlich gepflanzt und kommt zufällig beim Holzen hervor. Daher braucht es Fachleute, die ihn erkennen und aus den geernteten Fichten herauslesen.

Dank Förstern im Emmental und im Oberland

Walter Bachmann sagt: «Bei der Holz­ernte nimmt sich kaum jemand Zeit, die Bäume so genau anzusehen, dass die Haselfichte überhaupt bemerkt wird. Sie wird zusammen mit den anderen Rottannen verarbeitet. Die heutige Zeit ist zu schnelllebig. Wir kommen nur an unser Holz, weil Förster und Sägereien im Emmental und im Berner Oberland über unsere Bedürfnisse Bescheid wissen.» Walter Bachmanns «Alphornmacherei» besteht in diesem Jahr seit genau 100 Jahren. So konnte das Wissen um das Holz in der Region wachsen. «Ich kann mir dann das beste Holz aussuchen. Für die fünfundzwanzig Alphörner, die wir pro Jahr bauen, brauchen wir nur zwei Kubikmeter Holz.»

Auffallende Rillen

Alte Bäume haben auffallende Längsrisse in der Borke. Nach dem Entrinden zeigen sich unterhalb des Kambiums dem Stamm entlang verlaufende Rillen, während das Holz der Rottanne glatt wäre. Spätestens da ist klar, dass man eine Haselfichte vor sich hat. Diese Rillen zeigen sich im Querschnitt auch am Stamm als radial verlaufende, sägezahnartige Einbuchtungen in den Jahresringen. Sie treten erst ab dem 35. bis 40. Jahresring auf. Diese Struktur, die die besonderen Eigenschaften ins Holz bringt, welche es zum begehrten Klangholz für Instrumentenbauer machen, bildet sich also erst im Laufe des Wachstums.

Immaterielles Kulturerbe der Unesco

Wegen seiner akustischen Eigenschaften wird es auch für Vertäfelungen eingesetzt, etwa im Grossen Musikvereinssaal in Wien. Österreich hat das «Wissen um die Haselfichte als Klangholz» 2011 sogar in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufnehmen lassen. Und das keineswegs zu früh, denn dieses Wissen muss von Mensch zu Mensch über lange Zeit weitergegeben werden.

Die Österreicher haben ihrem Unesco­-Antrag eigens einen Brief des Betriebsleiters des Forstbetriebs Oberinntal beigelegt, der zu den Bundesforsten gehört. Egon Fritz beschreibt darin die Problematik: «In den vergangenen hundert Jahren ist durch geänderte, vor allem beschleunigte Methoden der Holzernte […] altes Wissen um dieses seltene Holz verloren gegangen. Auch die marktwirtschaftlichen Ansprüche an eine professionelle Holzvermarktung, die möglichst rasch und einfach sein sollte, tragen dazu bei.» Es sei jedoch etwas ausserordentlich Schwieriges, aber auch Wunderbares, einen hochwertigen Haselfichtenstamm für den Instrumentenbau auszusuchen. «Es erfordert sowohl Intuition als auch viel Erfahrung. Die Weitergabe dieses Wissens kann nur von Generation zu Generation erfolgen und setzt eine einfühlsame und detaillierte Beschäftigung mit der Natur voraus.»

Bei der Familie Bachmann im Emmental arbeitet man bereits in der dritten Generation mit genau diesem Holz. Das Wissen wurde vom Grossvater an den Vater weitergegeben, und Walter Bachmann durfte von beiden lernen. Heute kümmert er sich um den Verkauf und arbeitet vorrangig an den Becherrohren und Bechern.

Vater Hansruedi Bachmann steht mit seinen 80 Jahren noch immer fast jeden Tag in der Werkstatt. Er fertigt vor allem die Hand- und Mittelrohre sowie die Zwischenstücke für andere Stimmungen. Aus­serdem sorgt er für die Umwicklung aus Rattan. Diese schützt die geraden Teile, da das Holz sehr weich ist. 100 Meter braucht es pro Horn.

Der dritte Mann in der Werkstatt ist Roland Schenk, ein Drechsler aus der Nachbarschaft, der die Mundstücke drechselt. Aus­serdem fertigt er die Zier- und Becherringe aus schönem dunklen Nussbaumholz, das deutlich härter ist als das der Haselfichte. Der Becherring wird vorn auf den Klangbecher aufgesetzt und schützt diesen.

Die Entstehung des Standardalphorns

Es braucht viel Gefühl fürs Holz. Bachmanns leimen die Rohlinge der Rohre aus mehreren, sorgfältig aufeinander abgestimmten Teilen zusammen. Entscheidend ist, dass die Jahresringe so zusammengefügt werden, dass sie in der Längsrichtung des Alphorns verlaufen. Nur so kommen die Vibrationen, die oben am Mundstück erzeugt werden, mit möglichst wenig Verlust am Becher an.

Die Zeiten, als jeder Senn sich sein Alp­horn aus einer krumm gewachsenen, der Länge nach aufgesägten Tanne selbst aushöhlte, wobei der «Chrump» am unteren Ende den Becher ergab, sind schon lange vorbei. «Da klang naturgemäss keines gleich. Aber das machte ja nichts, da man damit nur von Alp zu Alp kommunizierte oder die Kühe zum Melken rief.» Als sich in den 1910er-Jahren der Jodlerverband für den Erhalt des Alphorns einsetzte, sorgte er auch für die Vereinheitlichung der Hörner, sodass man sie in Formationen spielen konnte. Seitdem ist das Standardalphorn 3,40 Meter lang.

«Man fand, dass ein solches Horn im Freien am besten klang und am weitesten trug. Erst sehr viel später konnte man die Tonhöhen messen. Da stellte sich heraus, dass Noten dafür in fis notiert sein müssen. Das ergab ziemlich viele Kreuze, wenn man nach Noten spielen wollte. Aber da war es schon zu spät», sagt Walter Bachmann schmunzelnd. Es gibt längst Ausführungen für andere Tonarten und Zwischenstücke, um mit ein und demselben Horn verschiedene Tonarten spielen zu können. Die Rechnung ist einfach: 20 Zentimeter zusätzliche Länge ergeben einen Halbton tiefer. «Das F-Horn ist populär, da es besser zu moderner Musik passt und in den Noten halt weniger Kreuze braucht.» Das drei Meter lange as-Horn wiederum ist beliebt, da es zum Schwyzerörgeli passt.

Zerlegbar für den einfacheren Transport

Die wichtigste moderne Verbesserung nach der Vereinheitlichung des Klangs ist wohl die Zerlegbarkeit der Hörner. «Zu Zeiten meines Grossvaters waren sie aus einem Stück gefertigt. Man fuhr mit dem Velo zum Spielen, das Alphorn geschultert. Hatte es einer zu eilig und überschlug sich, dann brauchte er auch gleich ein neues Instrument», erzählt Walter Bachmann. Der Grossvater habe es zuerst mit einem in der Mitte zersägten Horn versucht, dem er ein Gewinde aus alten Granathülsen einsetzte.

Längst sind aber alle Alphörner in drei Teile zerlegbar. Walter Bachmann stellt auch vier- und fünfteilige Hörner her. Und wer weiss: «Es gibt von anderen Herstellern sogar achtteilige Alphörner zu kaufen. Jede Verbindung verursacht jedoch leichte Einbussen im Klang.» Die Teile werden über Steckverbindungen aus Aluminium mit O-Ring-Dichtungen verbunden. Inwendig ist das Horn durchgehend aus Holz, sodass der Klang möglichst wenig beeinträchtigt wird.

In der Schweiz gibt es etwa 30 Alphorn­bauer. Meist sind es Schreiner oder Drechsler, selten auch Instrumentenbauer oder Möbelrestauratoren, welche die Herstellung von Alphörnern für sich entdecken. Im Falle der Familie Bachmann war eine Dorfchilbi im Jahr 1925 der Auslöser. Damals erlebte der 13-jährige Ernst Schüpbach, Walter Bachmanns Grossvater, erstmals einen Alp­hornspieler. Er war so fasziniert, dass er ein eigenes Horn haben wollte. Geld dafür hatte er keines. Also schlug er ein krumm gewachsenes Tännli, dessen «Chrump» ihm als Klangbecher geeignet schien.

Als er den Stamm endlich mühsam ausgehöhlt hatte, bekam er keinen Ton heraus. Schliesslich liess er es sich von einem Klassenkameraden zeigen. Der spielte in der Jugendmusik und wusste, wie man den Mund formen und blasen muss. Das erste Horn kaufte dieser ihm glatt für zwei Franken ab. Ernst Schüpbach baute die nächsten Alphörner, lernte spielen und kaufte sich vom verdienten Geld eine Bandsäge. Von da an verdiente er mit dem Bau von Skiern und Alphörnern etwas zur Landwirtschaft dazu, bis er schliesslich vom Alphornbauen leben konnte. «Als Pepe Lienhard mit ‹Swiss Lady› einen Riesenhit hatte, schoss die Lieferfrist für unsere Alp­hörner auf drei Jahre hinauf. Heute beträgt sie etwa acht Monate.»

Noch heute wird bei Bachmanns im Emmental wie zu Grossvaters Zeiten fast alles von Hand gemacht. Etwa 80 Stunden Arbeit stecken in jedem Horn. «Mit den maschinell hergestellten Hörnern, die seit zehn Jahren den Markt fluten, können wir preislich nicht konkurrieren. Die ersten haben sie für vierhundert Franken verschleudert. Dafür können diese beim Klang nicht mithalten», sagt Walter Bachmann. «Die sorgfältige Holzauswahl, der Fleiss beim Schleifen, das Gespür für das Material, wofür langjährige Erfahrung nötig ist. Diesen Unterschied hört man einfach.»

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