An den elf Wässerstellen im Landschaftspark Wiese wird der Waldboden regelmässig für zehn Tage geflutet.Foto: Landschaftspark Wiese

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Trinkwasser aus dem Wald für zwei Drittel des Dreiländerecks

In Basel wird ein grosser Teil des Trinkwassers auf europaweit einzigartige Weise gewonnen: Der Waldboden im Naherholungsgebiet Lange Erlen filtert Rheinwasser, bevor es zu Trinkwasser aufbereitet werden kann. Aber auch aus anderen Gründen ist dieses Fleckchen Erde aussergewöhnlich.

Susanne Stettler* | Wer sich im Landschaftspark Wiese aufhält, zu dem die Langen Erlen gehören, stösst mit grosser Wahrscheinlichkeit irgendwann auf überflutete Waldboden-Areale. Doch dieses Wasser stammt nicht vom letzten grossen Gewitter, sondern es wurde in voller Absicht dorthin geleitet. Und das mit gutem Grund.

Die Basler Energieversorgerin IWB pumpt beim Kraftwerk in der Nachbarsgemeinde Birsfelden (BL) Rheinwasser ab. In einem ersten Schritt befreit eine Rechenanlage dieses von groben Bestandteilen, bevor es über zwei Leitungen zur Schnellfilteranlage in den Langen Erlen transportiert wird. Täglich werden dort in 20 Becken mit jeweils einer 85 Zentimeter dicken Quarzsandschicht Schwebstoffe aus bis zu 100 000 Kubikmetern Rheinwasser entfernt. Anschliessend reist das Nass zu den elf sogenannten Wässerstellen im Naherholungsgebiet, über die es sich auf den Waldboden ergiesst. «Die Langen Erlen sind das grüne Herz unserer Trinkwasserproduktion», erklärt Simon Haag, Leiter Engineering/Produktion Wasser bei IWB. «Nur das natürliche Grundwasser dort reicht dafür jedoch nicht aus. Darum reichern wir es künstlich mit Wasser aus dem Rhein an und reinigen es in mehreren Schritten. So versickert es in den bewaldeten Wässerstellen. Auf dem Weg durch das Erdreich wird das Wasser auf natürliche Weise gereinigt, indem viele gelöste und ungelöste Stoffe zurückgehalten und abgebaut werden.» Und dies ganz ohne Chemikalien.

Weil das jedoch für den Boden viel Arbeit ist, benötigt er nach 10 Tagen Bewässerung jeweils eine «trockene» Ruhephase von 20 Tagen. So erhalten die Mikroorganismen im Waldboden ausreichend Sauerstoff. So bleibt auch seine Fähigkeit, aus dem Rheinwasser herausgefilterte Stoffe und Keime natürlich abzubauen, erhalten. Damit die Trinkwasserproduktion während dieser Zeit nicht unterbrochen wird, werden die zwei bis drei Felder in den Wässerstellen im Turnus genutzt.

Anschliessend vermischt sich das versickerte Wasser mit dem natürlichen Grundwasser und gleicht sich dessen Temperatur an. Danach wird es in den Grundwasserbrunnen aus einer Tiefe von 8 bis 15 Metern wieder hochgepumpt, ein letztes Mal in mehreren Stufen aufbereitet, bevor es schliesslich ins Trinkwassernetz eingespeist wird.

Wasser für viele Menschen

«Die IWB produziert etwa die Hälfte der jährlich achtundzwanzig Millionen Kubikmeter Basler Trinkwasser in den Langen Erlen», erklärt Simon Haag. «Die andere Hälfte stammt aus dem Hardwald in der basellandschaftlichen Gemeinde Muttenz, welche an Basel grenzt und wo wir das Trinkwasser auf ähnliche Weise aufbereiten.» Doch nicht nur die Stadt Basel und die anderen beiden basel-städtischen Gemeinden Riehen und Bettingen profitieren vom Wasser aus dem Landschaftspark Wiese. Auch knapp 50 000 Menschen in den deutschen Gemeinden Binzen, Efringen-Kirchen, Eimeldingen, Fischingen, Rümmingen, Schallbach, Wittlingen sowie Weil am Rhein nutzen dieses Wasser. Die drei Millionen Kubikmeter Trinkwasser für die Ortschaften im Bundesland Baden-Württemberg werden aber auf der deutschen Seite produziert. Damit deckt der Landschaftspark Wiese 80 Prozent des Trinkwasserbedarfs des südlichen Markgräflerlands (DEU) ab.

Die Idee der Trinkwassergewinnung in den Langen Erlen ist allerdings gar nicht so neu, sondern wurde bereits vor rund 125 Jahren geboren. Anno 1902 wurde dort die erste Filteranlage getestet. Doch erst drei Jahrzehnte später, gegen Mitte der 1930er-Jahre, begann das damalige Gas- und Wasserwerk Basel, die Wässerstellen auszubauen und mit Bäumen zu bepflanzen. Gut Ding will eben Weile haben.

Doch weshalb eignet sich gerade der Landschaftspark Wiese so gut für die Trinkwassergewinnung? Yannick Bucher, Ranger im Landschaftspark Wiese, erklärt: «Entscheidend ist der geologische Untergrund. Der Schotterkörper des Flusses Wiese ist ein hervorragender Grundwasserleiter, ausserdem ist der Oberboden, welcher die Hauptreinigungsleistung erbringt, intakt.» Nicht jeder Wald sei für die Trinkwassergewinnung geeignet, sondern nur ebene Wälder, die auf Lockergestein stünden und die über eben diesen intakten Oberboden verfügten. Ebenfalls sei es unerlässlich, dass die Bäume in den Wässerstellen den Wechsel zwischen Im-Wasser-Stehen und dem trockenen Schotterboden gut vertrügen. Und natürlich müsse auch genügend Wasser zur Anreicherung des Grundwassers vorhanden sein.

Wasser ist im Zusammenhang mit den zunehmend spürbaren Auswirkungen des Klimawandels ein grosses Thema. Wie wirkt sich das auf die Trinkwassergewinnung in den Langen Erlen aus? «Der Trinkwasserbedarf kann steigen. Mit unseren Anlagen können wir einen solchen Anstieg aber stemmen», sagt Simon Haag. «Den stärksten Einfluss der durch den Klimawandel bedingten Trockenperioden stellen wir beim Baumbestand fest. Dieser muss mit passenden Baumarten an die neue Situation angepasst werden.»

Wald im Wandel

Darüber weiss Yannick Bucher bestens Bescheid, denn er kennt alle dort vorkommenden Pflanzen und Tiere. «Die Auswirkungen der vergangenen warmen und trockenen Sommer sind im Wald gut sichtbar», sagt er. «Das zeigt sich zum Beispiel an den nur vereinzelt vorkommenden Rotbuchen, die mit dem Boden sowie den klimatischen Bedingungen Mühe haben. Wir hatten in den vergangenen Jahren mehrere Sturmereignisse, aufgrund deren jeweils einige Bäume umgefallen sind, andere haben verlichtete Kronen, leiden an Pilzbefall oder sterben schon relativ jung ab. In feuchteren Jahren zeigen einige Arten ausserdem einen verfrühten Blattfall.»

Der Landschaftspark Wiese war einst das Auengebiet des Flüsschens Wiese, welches in Kleinbasel in den Rhein mündet. Heute findet sich dort eine für die Schweiz einzigartige Waldgesellschaft, die durch die Grundwasserabsenkung im Rahmen der Verbauung der Wiese entstanden ist: der Lerchensporn-Hagebuchenmischwald. «Durch seine Lage im klimatisch begünstigten Oberrheingraben, die Begradigung der Wiese, die Bodenaufschüttung und die Waldbewirtschaftung mit Pflanzungen hat sich der ehemalige Auenwald zu einem Hartholz­auenwald gewandelt», erklärt Yannick Bucher. Der Lerchensporn­Hagebuchenmischwald beherbergt heute gut 70 verschiedene Baumarten. «Die namensgebenden Erlen des ehemaligen Auenwaldes kommen nur noch vereinzelt am Ufer der Gewässer vor, von der historischen Mittelwaldbewirtschaftung stehen noch alte, grosse Eichen und Hagebuchen.» Inzwischen wird das Waldbild durch viele jüngere Spitzahorne und Linden geprägt. Dazwischen stehen ältere Exoten wie Mammutbäume oder Sumpfzypressen, die im Zuge der parkartigen Gestaltung des Waldes gepflanzt worden waren. «Speziell zu erwähnen sind die autochthonen – also einheimischen – Flatterulmen», betont der Park-Ranger.

Botanische Einzigartigkeit

Was aber macht den Wald im Landschaftspark Wiese sonst noch speziell? «Die alten Flatter­ulmen sind einmalig und sehr sehenswert», sagt Yannick Bucher. «Botanisch gesehen sticht die Waldgesellschaft insbesondere im Frühjahr ins Auge, wenn verschiedene Geophyten oder eben Frühjahrsblüher blühen. Zum Beispiel der Festknollige Lerchensporn, das Gelbe Buschwindröschen oder etwas später die Grossblütige Sternmiere.»

Die aussergewöhnliche Natur und der damit verbundene Erholungseffekt ziehen viele Menschen an: An schönen Sommertagen kann es deshalb schon einmal sein, dass bis zu 16 000 Menschen den Landschaftspark Wiese bevölkern – sei es zum Spazieren, Joggen, Grillieren oder ganz einfach zum Erholen. Bei Hundehalterinnen und -haltern ist das Areal ebenfalls äusserst beliebt.

Diesen Andrang meiden die meisten Tiere. Wer die zoologische Vielfalt erleben möchte, hat bessere Karten, wenn es ruhiger ist. Das Gebiet ist nämlich nicht nur Rückzugsort für zahlreiche Pflanzen, sondern auch für viele Tiere. «Der Landschaftspark Wiese zeichnet sich durch eine Vielzahl verschiedener Lebensräume auf engstem Raum aus. So finden sich in den Gewässern im Landschaftspark nahezu alle regional vorkommenden Amphibien, welche den angrenzenden Wald als Landlebensraum benötigen», erzählt Yannick Bucher. Seltene Vogelarten wie der Mittel- und der Grauspecht, der Pirol, der Eisvogel und die Wasseramsel sind hier ebenfalls heimisch. Dazu kommen eine für die Nordwestschweiz starke Feldhasen-Population ebenso wie Rehe, Dachse, Füchse und Insekten wie zum Beispiel der Hirschkäfer. Vor allem für die Sichtung von Rehen bestehen gute Chancen. «Wegen der fehlenden Bejagung und des Besucherdrucks sind sie nicht sehr scheu.»

Früher und heute

Der Wald vor den Toren Basels ist bereits seit Jahrhunderten von grosser Bedeutung für die Bewohnerinnen und Bewohner der Region. Versorgte er sie lange mit Brennholz, Baumaterial, Laub für die Betten, Rinde für die Gerber und Futter für das Vieh, so beherbergen die Langen Erlen heute mehrere Naturschutzgebiete und dienen darüber hinaus als grüne Lunge der Stadt. Und seit über 100 Jahren eben auch als Trinkwasserquelle.

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