Jung und alt: Zusätzlich zu den bestehenden Alleebäumen wurden in der Heinrichstrasse in Zürich auch junge Bäume gepflanzt.Fotos: Anita Merkt

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Die Stadt Zürich ist auf dem Weg, eine Schwammstadt zu werden

Heisse Sommer machen besonders den Bewohnern von Städten zu schaffen. Um die Hitze zwischen Asphalt und Beton zu lindern, will die Stadt Zürich Niederschläge wie ein Schwamm aufsaugen, zurückhalten und langsam wieder in die Atmosphäre verdunsten lassen.

Anita Merkt* | «Früher ging es bei der Stadt­entwässerung darum, Wasser so schnell wie möglich aus dem Siedlungsraum abzuleiten. Heute versuchen wir, Regenwasser, so lange es geht, in der Stadt zu halten.» Mit diesen Worten erklärt Christoph Mahlstein die Prioritätenumkehr beim Umgang mit Wasser in der Stadt. Mahlstein ist Mediensprecher der städtischen Abteilung Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ), die auch für das Wasser- und Abwassermanagement zuständig ist. Mit der Entsiegelung von Flächen und mehr Grünraum will die Stadt erreichen, dass Niederschlagswasser entweder versickert, über Bäume und Büsche verdunstet oder gleich als Bächlein die Umgebung kühlt. Der Begriff der Schwammstadt macht klar, was damit erreicht werden soll: Statt über Asphalt und unterirdische Kanäle abzufliessen, soll das Wasser von der Stadt wie von einem Schwamm aufgesaugt und langsam wieder an die Umgebung abgegeben werden. Denn wenn Wasser verdunstet, entzieht es der Umgebung Wärme und sorgt so für Kühlung.

Schon Anfang der 1990er-Jahre hat die Stadt Zürich angefangen, eingedolte Bäche, die über Jahrzehnte zu Abwasserleitungen degradiert worden waren, wieder an die Oberfläche zu holen. Ein Beispiel ist das Guggachbächli, das seit Kurzem durch die neue Schulanlage Guggach fliesst. Sein Wasser kommt vom Chäferberg und plätschert durch das ausgedehnte Spielgelände der Schulkinder. Noch können die Schüler und Schülerinnen nicht bis an den Bach, um dort zu spielen oder nach Kaulquappen Ausschau zu halten. Die Begrünung mit Büschen und Gräsern soll sich erst etablieren, bevor sie zertrampelt wird. Nach dem Schulgelände ist das Guggachbächli wieder eingedolt, denn oft liessen die Dichte der Bebauung und der Strassenraum eine Ausdolung nicht zu, erklärt Ursula Loritz, die beim ERZ für den Bachunterhalt und den Hochwasserschutz zuständig ist. «Manchmal kann man den Bachlauf auch verlegen, hier konnte die Stadt das machen, weil das Schulgelände zur Verfügung stand», erklärt die Ingenieurin. Zusätzlich zum Wasser vom Chäferberg wird das Bächlein auf dem Schulgelände auch von Dachwasser gespeist. Denn auch Dachwasser soll in Zürich vermehrt versickern oder in Bäche geleitet werden, anstatt bei Starkregen die Kanalisation zu überlasten. Wer neu baut, bekommt inzwischen Vorgaben, wohin er das Wasser von Dächern und Parkplätzen ableiten muss.

An Bächen, in die das Wasser geleitet werden könnte, mangelt es in Zürich nicht. «Die Stadt ist eine Art Badewanne», sagt Ursula Loritz. Zu beiden Seiten des Sees und der Limmat hat vor 20 000 Jahren der Linthgletscher Moränenwälle mit sich geschoben, die heute als überbaute Hänge die Topographie der Stadt prägen. Von Üetliberg, Züriberg, Adlisberg, Chäferberg und Hönggerberg fliessen zahlreiche Bäche in diese «Badewanne». Im Zuge der Überbauung wurden diese Bäche meist eingedolt.

Insgesamt durchziehen rund 130 Bachkilometer die Limmatstadt, 67 Kilometer davon befinden sich im Siedlungsgebiet und der Freihaltezone. Strassennamen wie Lindenbach-, Hegibach- oder Katzenbachstrasse deuten darauf hin, dass unter dem Asphalt Wasser in Röhren in Richtung See, Limmat oder Sihl geleitet wird. Von 27 eingedolten Bachkilometern (Stand 2019) will die Stadt gemäss ihrem Bachkonzept in den nächsten Jahren knapp 4 Kilometer wieder öffnen, um den Stadtbewohnern Kühlung zu verschaffen und die Biodiversität zu fördern. 15 Kilometer ehemals eingedolte Bäche hat sie bereits aus dem Untergrund wieder an die Oberfläche geholt.

Einer davon ist der Neugutbach im Quartier Affoltern. Seit einigen Jahren plätschert der Bach zwischen Wohnhäusern dahin, lädt Kinder zum Spielen und Erwachsene zum Verweilen ein und endet in einem kleinen Teich am Waldrand. Wenn der Bach sehr viel Wasser führt, wird es mit einem Überlauf in Mulden geleitet, in denen es versickert oder langsam verdunstet.

In der Stadt um zehn Grad heisser

Messungen haben gezeigt, dass die Sommertemperaturen in Stadtvierteln, in denen Beton und Asphalt dominieren, um zehn Grad Celsius höher sein kann als in Grünanlagen. Besonders spürbar ist das im modernen Stadtteil Zürich West, der zwischen 1990 und 2010 vom Industriequartier zum Kultur- und Wohnviertel umgebaut wurde. Da das Viertel von Asphalt und Beton geprägt ist, heizt sich der Stadtteil im Sommer so stark auf, dass die Stadt das im Kreis 5 gelegene Quartier nachträglich mit Bäumen bepflanzt und am Turbinenplatz mit einer künstlichen Sprühnebelwolke für Kühlung zu sorgen versucht. In der Europaallee beim Bahnhof – ein, wie auch das Tiefbauamt einräumt, «zweifelhaftes Beispiel für eine hitzebewusste Urbanität» – soll seit 2019 Wasser in einem Betonbecken die Hitze etwas lindern. Das 400 Quadratmeter grosse Planschbecken ist sogar auf Google Maps eingetragen und wird vom amerikanischen Suchdienst als «Pfütze» bezeichnet.

Die grösste und nachhaltigste Kühlleistung erbringen aber auch im städtischen Raum Bäume. An der jüngst umgestalteten Heinrichstrasse setzt die Stadt deswegen im grossen Stil auf die Entsiegelung asphaltierter Flächen und auf Bäume als kühlende Elemente. Zwischen dem Eisenbahnviadukt und der Hardbrücke wurden zugunsten von Flächen für Bäume und einem Füssgänger- und Veloweg Parkplätze und eine Fahrspur rückgebaut. Die vorhandenen Alleebäume sind bei diesem Pilotprojekt durch Neupflanzungen ergänzt worden, sodass fast ein kleines Wäldchen entstehen wird. «Bäume verschiedener Altersstufen haben den Vorteil, dass bereits wieder grosse Bäume da sind, wenn die alten einmal gefällt werden müssen», erklärt Andrea Gion Saluz, Leiter Koordination Stadtbäume bei Grün Stadt Zürich. Da Bäume nicht nur Schatten spenden, sondern aufgenommenes Wasser über ihre Blätter verdunsten, übernehmen sie in der Stadt die Rolle von lebenden Klimaanlagen.

Lebensraum von Stadtbäumen verbessern

Ein Problem von Bäumen im Strassenraum sind jedoch oft Hitze, Trockenheit, die Streusalzbelastung im Winter und ein zu knapp bemessener Wurzelraum. Unter der Leitung von Grün Stadt Zürich hat die Stadt zusammen mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Ostschweizer Fachhochschule (OST) ein Substrat aus Blähschiefer und Pflanzenkohle entwickelt, das besonders gut Wasser speichert und den Bäumen erlaubt, den Boden zu durchwurzeln. «Pflanzenkohle hat eine sehr grosse innere Oberfläche. Bei einem Gramm sind es bis zu vierhundert Quadratmeter», erklärt Andrea Gion Saluz. Zudem ist das Substrat so gestaltet, dass es zu rund 30 Prozent aus Hohlraum besteht. Dieser Hohlraum ist mit wurzelfreundlichem Feinmaterial gefüllt. «An der Heinrichstras­se konnte das Tiefbauamt dieses Substrat grossräumig einsetzen und den Bäumen damit bessere Wachstumsbedingungen bieten.» Unter Strassen könne das Substrat nicht eingesetzt werden, weil der Unterboden dort sehr dicht sein müsse. «Unter weniger belasteten Fuss- und Velowegen können wir den Bäumen mit dem Substrat dagegen zusätzlichen Wurzelraum bieten», so Andrea Gion Saluz. Indem an der Heinrichstrasse der gesamte Strassenquerschnitt neu gedacht wurde, konnte der Wurzelraum pro Baum von 12 auf 35 Kubikmeter erweitert werden. Damit auch hier Wasser versickert oder verdunstet, anstatt abzufliessen, weist der Fussgänger- und Veloweg eine leichte Neigung in Richtung der Kiesflächen mit den Bäumen auf. Künftig will die Stadt bei Tiefbauarbeiten darauf achten, dass der Untergrund als Wurzelraum mitgedacht und entsprechend geplant wird.

Impfung mit Mykorrhiza-Pilzen

Werden neue Bäume gepflanzt wie jüngst im Pestalozzi-Pärkchen an der Bahnhofstras­se, erhalten sie zusätzlich zum Pflanzenkohlesubstrat Nährstoffe und werden mit Mykorrhiza-Pilzen geimpft. Diese Vitalpilze, die auch im Wald mit den Wurzeln je spezifischer Baumarten eine Lebensgemeinschaft eingehen, sollen helfen, die Stadtbäume besser mit Nährstoffen zu versorgen.

Um die klimabedingt voraussichtlich immer heissere Stadt zu kühlen, sieht die Fachplanung Stadtbäume vor, bis im Jahr 2050 im Siedlungsgebiet eine Kronenbedeckung von 25 Prozent zu erreichen. Angesichts von erst 15 Prozent im Oktober 2023 sei das ein ehrgeiziges Ziel, räumt Simone Brander,
Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements der Stadt Zürich, in einer Medienmitteilung ein. Denn trotz aller Bemühungen habe die «Kronenfläche, also die Summe aller von Bäumen beschatteten Flächen, im Siedlungsgebiet zwischen 2018 und 2022 um 64 Hektar abgenommen», schreibt die Stadt. Der Hauptgrund dafür ist der Abriss vieler Siedlungen, die durch Neubauten ersetzt werden, mit denen die Grundstücke besser ausgenutzt werden. Im öffentlichen Raum wird in der Regel jeder gefällte Baum durch eine Neupflanzung ersetzt. Allerdings gehen auf privatem Grund einer Auswertung der Stadt zufolge weit mehr Bäume verloren als im öffentlichen Raum. Zählungen in der «Gartenstadt» Schwamendingen zeigten, dass dort zwischen 2006 und 2019 fast jeder fünfte grosse Baum (Stammumfang von mindestens 80 Zentimetern) verloren ging. Auf privaten Flächen verschwand gar ein Viertel der Bäume.

Selbst wenn Liegenschaftsbesitzer gefällte Bäume durch Neupflanzungen ersetzen möchten, «kann gerade bei kleineren und mittelgrossen Grundstücken im Randbereich oft kein Baum nachgepflanzt werden, weil der Grenzabstand eingehalten werden muss», erklärt die Stadt. Mit dem Programm Stadtgrün und einer Reduktion der festgelegten Abstände will die Stadt erreichen, dass auch Besitzer privater Grundstücke wieder mehr Bäume pflanzen.

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