Nach den Waldbränden von 2017 im Waterton-Lakes-Nationalpark in Kanada kämpft sich die Vegetation zurück.Bilder: Beat Ernst

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Wenn Wälder brennen, entstehen neue Landschaften

2017 brannte der Wald im Waterton Lakes National Park im kanadischen Alberta. Dieser Brand hat die Landschaft des Parks nachhaltig geprägt. Seither gewinnen Park Ranger und Forschende wichtige Erkenntnisse zur Regeneration des Ökosystems.

Monika Jäggi* | Acht Jahre nach dem Brand ist der kanadische Waterton Lakes National Park noch immer faszinierend anzusehen: Verkohlte Bäume säumen die Bergflanken. Zwischen Stämmen und verbranntem Unterholz wachsen junge Sträucher, Bäume und weniger krautige Pionierpflanzen als vor sechs Jahren (vgl. «WALD und HOLZ» 2/20). Die offene Landschaft der Stämme, der Blick über die drei Parkseen – alles wirkt wie eine Kunstinstallation.

Im Sommer 2025 besuchte die Autorin zum zweiten Mal nach dem Feuer von 2017 den Waterton Lakes National Park im Süden der Provinz Alberta an der Grenze zu den USA. Das Feuer hatte damals 44 % der Parkvegetation auf der Westseite, auf den Bergflanken an der Grenze zur Provinz British Columbia, zerstört. Die restliche Fläche auf der Ostseite des Parks blieb unversehrt, weil die drei Waterton-Seen als Barriere wirkten, die das Feuer nicht überspringen konnte.

Durch die Zerstörung der Wälder und Graslandschaften kam es zu extremen ökologischen Veränderungen und zu einer Neugestaltung der Landschaft. Das Feuer ist zu einem wichtigen Beispiel für die Regeneration verbrannter Landschaften geworden. Heute arbeitet der Park mit kanadischen Universitäten und mit Bundes- und Provinzbehörden zusammen. Rund 20 Projekte sollen Erkenntnisse über die Ökologie nach Bränden liefern. Es handelt sich um das grösste interdisziplinäre Forschungsprojekt in der kanadischen Geschichte. Dabei inte­ressiert im Besonderen, wie sich Wald- und Graslandschaft nach dem Brand entwickelt haben und ob allfällige Schlüsse für eine zukünftige Waldbewirtschaftung und Brandbekämpfung gezogen wurden. Und wie verhalten sich Tiere, die ihren Lebensraum durch den Brand verloren haben?

Aussergewöhnliche Intensität

Das Feuer von 2017 brannte mit einer aussergewöhnlichen Intensität und raste mit beispielloser Geschwindigkeit durch den Park. Innerhalb von sechs Stunden verbrannten 19 303 Hektaren oder 190 der 500 km2 Parkfläche. Zum Vergleich: Beim Waldbrand von 2023 in Bitsch (VS) war eine Fläche von 185 Hektaren Schutzwald betroffen. Auslöser für den Brand in Kanada war ein Blitzschlag, der in ausgetrocknete Böden und in dürres, dichtes Unterholz fuhr. Die Intensität und die gleichmässig starke Verbrennung der Landschaft unterschieden sich von anderen Bränden in Kanada. «Das Feuer breitete sich so schnell aus und brannte so intensiv, dass an eine Eindämmung nicht zu denken war», erklärt Park-Ökologe und Wildtierexperte Rob Found.

Wie wirkte sich die Intensität des Feuers aus? «Obwohl die Regeneration der Landschaft ein langjähriger Prozess ist, können wir bereits erste Schlüsse ziehen.» Die Ausbreitung des Feuers und die Intensität der Brände seien zu einem gewissen Grad zufällig gewesen. In einigen Gebieten seien nur wenige Bäume zerstört worden, und in anderen sei nur die Oberflächenvegetation verbrannt. Entscheidend sei, dass es im Park Unterschiede beim Nachwachsen gäbe. «Am stärksten betroffen sind die Gebiete, in denen das Feuer am heissesten, am längsten und bis auf den Mineralboden gebrannt hat.» Dort verlaufe die Waldverjüngung am langsamsten, da das Feuer die Bodenchemie verändert habe.

Der Wasserabfluss hat zugenommen

Das Gebiet hinter dem Summit Lake, auf dem Weg zum Carthew Summit, ist am stärksten betroffen. Dort habe der Wind einen Grossteil der obersten Bodenschicht weggeweht. «Bis vor zwei Jahren roch es dort noch nach Asche», sagt Rob Found. Entsprechend habe sich dort, wo die Vegetation verbrannt sei und die Hänge nicht mehr stabilisiere, die Lawinengefahr erhöht. Das betreffe auch die stark verbrannten Nordhänge beim Bertha Lake Trail, dem bekanntesten Trail im Park. «Seit dem Brand hat sich auch die Hydrologie im Park verändert, der Abfluss hat zugenommen, weil weniger Pflanzen weniger Feuchtigkeit aufnehmen können.»

Auffällig war, dass sich einige der verbrannten Gebiete am Westhang desBuchanan Peaks – der Bergrücken liegt beim Hinauffahren auf dem Akamina Parkway auf der linken Seite – besser erholten als andere. «Auch in Tälern wie dem Cameron Creek Valley stellen wir eine dichtere Vegetationsdecke fest.» Das sei auf das Nachwachsen von Sträuchern in tiefer gelegenen Bereichen des Tals zurückzuführen. Sträucher wachsen zwar schneller als Bäume, in den meisten Gebieten sind sie aber noch nicht hoch genug, um grossen Säugetieren Schutz bieten zu können.

In einigen Gebieten wachsen Kiefern und Fichten gut nach und behindern bereits die Durchquerung des Geländes. Sie wachsen dicht nach, solange sie noch klein sind, bevor sie sich gegenseitig verdrängen. Kiefern brauchen das Feuer, um sich zu vermehren. Ihre Zapfen sind mit Harz verschlossen und öffnen sich erst bei grosser Hitzeeinwirkung. Die Kiefer profitiert auch vom Feuer, weil dieses Konkurrenzbaumarten und die Bodenvegetation unterdrückt. Sie ist eine Pionierart nach Bränden und besiedelt verwüstete Flächen schnell und zahlreich. In einigen Gebieten des Parks stehen die Bäume bereits mehrere Meter hoch.

Tiere kehren mit der Vegetation zurück

Zahlreiche Tierarten hatten ihren Lebensraum durch den Verlust der Vegetation verloren und sich in der Folge zurückgezogen. Der Unterwuchs diente den Tieren als Deckung für die Jagd oder für die Gejagten als Schutz. Mit ihrer Rückkehr habe sich die Dynamik zwischen Raubtieren und Beutetieren verändert. So hätten Pumas aufgehört, in der Nähe von Waterton Hirsche zu jagen, weil sie das Unterholz als Versteck verloren hatten, berichtet der Wildtierexperte.

Dickhornschafe wiederum bewegten sich vermehrt auf den Flächen der abgebrannten Wälder. Das Feuer habe ehemals dicht bewaldete Gebiete geöffnet und dadurch neue Lebensräume geschaffen. Heute bieten diese Gebiete den Dickhornschafen, die offene Gebiete vorziehen, einen neuen Lebensraum. Durch die Zunahme offener Waldflächen habe auch die Bewegungsgeschwindigkeit der Dickhornschafe zugenommen. Und die Bären? Schwarz- und Grizzlybären sind zwischen den kahlen Stämmen im Unterholz gut sichtbar. Sie sind aber zu beschäftigt mit der Suche nach den reifen Saskatoon-Beeren, als dass sie den Touristen Beachtung schenken würden.

Waldbewirtschaftung wie früher?

Es liegt nicht nur am Klimawandel, dass in Kanada ungezählte Feuer brennen, sondern auch an der Art, wie die Wälder bewirtschaftet werden. Brände wurden möglichst verhindert, doch dürres Holz und dichtes Unterholz bildeten den idealen Brandbeschleuniger. Und wenn einmal ein Brand ausbrach, geriet das Feuer leicht ausser Kontrolle. Heute habe sich die Sicht geändert. «Brände sind natürliche Prozesse, die wir nicht verhindern wollen», betont Rob Found. «Unser Brandmanagement zielt darauf ab, diesen natürlichen Prozess auf vorhersehbarere Weise nachzuahmen, indem wir kontrollierte Brände setzen und Brandschneisen schlagen.» Der Klimawandel beschleunige und erhöhe jedoch die Schwere und Häufigkeit von Waldbränden.

Tatsächlich drängt sich in Kanada vermehrt eine alternative Waldnutzung auf. «Ein kapitalistischer Umgang wie bisher funktioniert nicht mehr», sagt Robert Gray, Experte für Feuerökologie an der University of British Columbia. Er hebt die indigene Waldnutzung früherer Zeiten mit einem Mosaik aus offenen Wald- und Wiesenflächen mit diversen Pflanzengemeinschaften hervor: «Um zu überleben, brannten indigene Völker den Wald regelmässig ab.» Brach ein Feuer aus, traf es bald auf eine offene, schlecht brennbare Fläche und erlosch. In diesem Mosaik wuchsen nicht nur Pflanzen mit essbaren Knollen, Beeren und Nüsse, sie zogen auch Wild an. In einem dichten, geschlossenen Wald hätte es weniger Nahrung gegeben.

Heutige Waldmonokulturen seien einzig auf Holzproduktion ausgerichtet. Robert Gray fordert, vermehrt die traditionelle Technik der kontrollierten Brände und ausgedünnten Wälder anzuwenden. «Mit der Klimakrise und Waldbränden können wir nicht auf überholte Lösungen setzen.»

 

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