Beim Bergwaldprojekt in Elm werden grosse Flächen im steilen Gelände von Hand mit der Sense gemäht.Bilder: Thomas Güntert

Zeitschriften | Verband & PolitikLesezeit 2 min.

Ehrenamtliches Engagement zugunsten des Schutzwalds

Seit über 25 Jahren unterstützt das Bergwaldprojekt in Elm den Kantonalen Forstdienst Glarus. Wie vielerorts war der Wald im 19. Jahrhundert übernutzt worden. Nun soll ein nach­haltiger und altersstufiger Schutzwald entstehen, der das Dorf vor Naturgefahren schützt.

Thomas Güntert* | Elm ist die höchstgelegenste Gemeinde des Glarner Sernftals, in der einst die Landwirtschaft, der Viehhandel und der Abbau von Schiefer dominierten. Der Schieferabbau führte aber auch zu einer der grössten Naturkatastrophen der Schweiz, als ein Bergsturz im Jahr 1881 in Elm 114 Menschenleben forderte sowie 83 Gebäude und 90 Hektaren Land zerstörte. Nachdem das Dorf immer wieder von grossen Lawinen verschüttet und von der Aussenwelt abgeschnitten worden war, begannen die Elmer vor rund 100 Jahren, das Einzugsgebiet zu bepflanzen und die Böschungen mit Natursteinmauern und Holzverbauungen zu stabilisieren. Mittlerweile gibt es in Elm einen Schutzwald, der rund 900 Hektaren umfasst. Insbesondere in den Steillagen oberhalb der Infrastruktur sollen die Wälder auch vor Steinschlägen, Hangrutschungen, Lawinen, Hochwasser und Murgängen schützen. Die Bäume halten in Bewegung geratene Steine und Felsbrocken auf, und die Wurzelsysteme halten den Boden zusammen, sodass er nicht abrutscht. Oberhalb des rund 600 Einwohner zählenden Dorfes erstreckt sich der Meissenwald, in dem der alte Fichtenbestand zwar dicht und gleichförmig, aber nicht sonderlich stabil ist. Es ist kein Jungwald nachgekommen, und viele Verbauungen wurden durch den Schnee wieder weggedrückt oder beschädigt. Um die einzige Zufahrtstrasse ins Sernftal zu schützen, sind im Schutzwald gezielte Stabilisierungsmassnahmen notwendig.

Nachhaltiger und altersstufiger Schutzwald

Schon 1997 fand in Elm ein erster Bergwaldprojekt-Einsatz statt. Seither unterstützen Freiwillige den Forst jedes Jahr während zweier Projektwochen. Das Bergwaldprojekt wurde 1987 als gemeinnützige Stiftung gegründet und wird durch Mitgliederbeiträge, Spenden und Legate finanziert. Bei freiwilligen Arbeitseinsätzen sollen der Wald und die Kulturlandschaft in den Berggebieten gepflegt und erhalten sowie das öffentliche Verständnis für die Belange des Waldes gefördert werden. Die Waldpflege ist gezielt auf die Schutzfunktion ausgerichtet. Zur Verbesserung der Struktur mit stabilen gemischten Baumbeständen wird der Wald durchforstet, damit der Jungwuchs genügend Platz bekommt. Lichtbaumarten werden freigeschnitten, die Naturverjüngung mit verschiedenen Neupflanzungen ergänzt, alte Verbauungen instand gesetzt, neue Wege gebaut und bestehende saniert. Die Projektplanung erfolgt durch die Geschäftsstelle im Bergwaldzentrum Mesaglina in Trin (GR), und alle Tätigkeiten werden unter der Anleitung von erfahrenen Projekt- und Gruppenleitenden durchgeführt.

Kulturlandpflege nimmt zu

Michel Meng leitete die beiden Projektwochen, die er zusammen mit dem Revierförster Roman Thoma im Vorfeld geplant hatte. In diesem Jahr wurden rund 300 Bäume gepflanzt, wovon die Fichte den grössten Anteil hatte. Der Projektleiter gibt der Fichte im Bergwald als Hauptbaumart durchaus noch eine Zukunft, weil das Klima rauer und die Trockenheit nicht so ausgeprägt wie im Mittelland ist. «Zudem kann dieser Baum mehrheitlich ohne Wildschutzmassnahmen aufwachsen», erklärt der Revierförster.

Um eine möglichst hohe Baumartenvielfalt zu erhalten, werden auf grösseren Lichtungen auch Buchen und ein paar andere Baumarten wie Bergahorn und Vogelbeere in der Naturverjüngung gefördert. «Meistens schaffen sie es aber nicht, aus der Wildverbisshöhe herauszuwachsen», sagt Roman Thoma und fügt an, dass in diesem Jahr auch noch ein paar Weisstannen gepflanzt und mit aufwendigen Einzäunungen vor dem Wild geschützt würden. Die Jungpflanzen stellt der Förster bereit, und das schwere Baumaterial wird mit dem Helikopter direkt an den Einsatzort geflogen. Die rund 1500 Bäumchen, die in den letzten fünf Jahren vom Bergwaldprojekt gepflanzt wurden, werden jedes Jahr auch durch die freiwilligen Helfer im grasigen und krautigen Gebiet ausgemäht. «Ursprünglich war das Bergwaldprojekt ein Schutzwaldprojekt, doch es kommen immer mehr Kulturlandprojekte hinzu», sagt Michel Meng. Die Berg- und Alpweiden sowie die Mähwiesen, die nicht mehr ausreichend beweidet und gemäht werden, brauchen eine besondere Pflege, weil sie sonst zuwachsen.

Diese Flächen umfassen insgesamt rund drei Hektaren und werden nach dem Verblühen der Alpenflora im Wechsel jedes zweite Jahr mit der Sense gemäht und entbuscht. Die Biomasse wird entfernt, damit sich Magerwiesen mit einer grossen Biodiversität entwickeln. Meng erklärt, dass die Offenhaltung der Alpwiesen zwar eine Massnahme zur Kulturlandpflege sei, aber auch im Zusammenhang mit der Schutzwaldpflege stehe. Durch die Förderung der biologischen Vielfalt sollen für das Wild neue Äsungsflächen geschaffen werden, damit es sich auch ausserhalb des Waldes ernähren kann.

Ein bunt zusammengewürfeltes Team

An den Bergwald-Projektwochen können Personen ab 18 Jahren teilnehmen, wobei keine forstliche Erfahrungen vorausgesetzt werden. «Meistens sind es naturverbundene Menschen, die eine gute körperliche Verfassung und die erforderliche Trittsicherheit im steilen Gelände haben», erklärt Michel Meng. Zu seiner Motivation befragt, sagt der pensionierte Landschaftsgärtner Sigisbert Regli aus Emmenbrücke (LU): «Man hat heutzutage nicht mehr so viele Gelegenheiten, um mit der Sense von Hand zu mähen. Hier geht man zurück zu den Wurzeln.» Der 30-jährige Simon Heim aus Gais (AR) macht zurzeit eine Auszeit und will sich neu orientieren. «Ich will der Natur mit meinem Einsatz etwas zurückgeben und schätze die positiven Erfahrungen mit den Gleichgesinnten», sagt der Appenzeller. Reto Fischer aus Sarmenstorf (AG) war vor 20 Jahren schon Gruppenleiter beim Bergwaldprojekt und nimmt seither regelmässig daran teil. Kathrin Burose aus Braunschweig (GER) will in den Bergen dem hektischen Stadttrubel entfliehen und ist stolz, dass «Sigi» ihr das Sensenmähen beigebracht hat.

Der Berner Michel Meng und die junge Köchin Helene Neuburger, die aus der Nähe von München (GER) kommt, fungieren im Projekt als Organisationsteam. Der 39-Jährige leitet seit zehn Jahren jedes Jahr sechs bis zehn Bergwaldprojekte.

Natur pur und fliessend kaltes Wasser

Die elf Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Schweiz, aus Österreich und aus Deutschland leben während einer Woche in der Tuchelbodenhütte, die von der Bergstation der Gondelbahn Elm–Ämpächli nur über einen halbstündigen Fussmarsch zu erreichen ist. In der Forsthütte, in der es weder Strom noch Wasser gibt, hat es einen Aufenthaltsraum, eine kleine Küchenzeile und ein einfaches Matratzenlager für 14 Personen. Die Waschmöglichkeit ist an einem kleinen Bächlein, wo in unmittelbarer Nähe auch eine mobile Toilette steht.

Der Tag beginnt um 6.30 Uhr mit dem Frühstück und dem anschliessenden Fussmarsch ins steile und teilweise unwegsame Gelände. Zur Mittagspause kehren alle wieder in die Hütte zurück, und es gibt jeden Tag eine Znüni- sowie eine Zvieripause. Um 17 Uhr sind alle wieder bei der Forsthütte, wo dann noch die Sensen gedengelt werden. Auch das Aufräumen und Abwaschen gehört zu den Tätigkeiten der Freiwilligen. Am Abend wird gejasst, geredet und ausgespannt. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer nächtigen im eigenen Zelt und ziehen sich frühzeitig zurück. «In einer Pension in Elm zu übernachten, ist wegen der grossen Entfernung zum Einsatzstandort nicht möglich», sagt Michel Meng. Damit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort keine bösen Überraschungen erleben, sind die einzelnen Projekte in der Ausschreibung sehr genau beschrieben.

Schutzwaldfinanzierung ist reglementiert

Das Schweizer Waldgesetz legt fest, dass Bund und Kantone dafür sorgen müssen, dass der Wald seine Schutzfunktion dauerhaft erfüllt. Privatwaldbesitzer werden für die Mehraufwendungen der Waldpflege entschädigt, oder der Unterhalt wird vom Kanton in Auftrag gegeben. Die Finanzierung der Schutzwaldpflege erfolgt durch Bund und Kanton mit jeweils 40 % sowie 20 % durch die Waldeigentümerinnen und -eigentümer. Das Bergwaldprojekt stellt der Gemeinde Elm für die freiwilligen Helfer 50 Franken pro Person und Tag in Rechnung. Ausserdem stellt die Gemeinde die Unterkunft zur Verfügung. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern entstehen bis auf die eigene An- und Abreise keine Kosten.

Das Bergwaldprojekt führt aber auch kostenpflichtige Projektwochen für Familien, Kinder, Schulklassen und Firmen durch. Sämtliche Projekte sind auf der Website des Bergwaldprojekts aufgeführt und beschrieben. Seit der ersten Bergwaldwoche im Jahr 1987 in Malans (GR) haben rund 90 000 Freiwillige beim Bergwaldprojekt gearbeitet. Im letzten Jahr waren 25 Projekt- und 60 Gruppenleiterinnen und -leiter sowie 25 Köchinnen, Köche und Allrounder im Einsatz. Dabei haben fast 3000 Freiwillige in 53 Orten der Schweiz 113 824 Arbeitsstunden für den Bergwald geleistet.

 

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